Mythos Angststreifen

MV118 Der Mythos um den Angststreifen beschäftigt sowohl Fahranfänger als auch Motorrad-Experten, und solche, die sich dafür halten, gleichermaßen. Fritze erzählt, weshalb er das ganze Thema nicht nur für Blödsinn sondern auch für gefährlich hält.

Ein Haufen Motorradreifen.
Fritzes Motovlog 118: Mythos Angststreifen – Warum es auf die Breite nicht ankommt (Video auf Youtube)

Angststreifen, Angstrand, Speckstreifen – kaum ein Thema treibt Motorradneulinge so zuverlässig in hitzige Internetdiskussionen wie diese schmalen, unberührten Streifen an den Reifenflanken. YouTube ist voll davon: Halbgarer Rat von Leuten mit zwei, drei Jahren Fahrerfahrung, die anderen Leuten mit noch weniger Fahrerfahrung erklären, wie man den Angststreifen möglichst schnell wegbekommt. Ich halte das nicht nur für überflüssiges, sondern für gefährliches Gequatsche – und erkläre dir kurz, warum.

Das Standardargument lautet: Wer Angststreifen hat, traut sich nicht weit genug in die Kurve. Klingt erstmal logisch, ist aber in Wirklichkeit ein klassisches Heizerargument. Denn für mehr Schräglage in der Kurve brauchst du vor allem eines: mehr Tempo. Und das ist auf der deutschen Landstraße auf 100 km/h begrenzt – auf kurvigen Motorradstrecken oft sogar noch weniger. Meine These: Es gibt in Deutschland keine einzige öffentliche Kurve, bei der man unter Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit den Reifen gefahrlos bis an die Kante bringt. Wer also auf dem Poserparkplatz keinen Angststreifen vorweisen kann, dem erscheinen Verkehrsregeln offenbar eher zweitrangig.

Vergiss den Angststreifen!

Der Angststreifen (auch: Angstrand, Speckstreifen) bezeichnet die äußeren, im Alltag nicht abgefahrenen Bereiche der Reifenlauffläche eines Motorrads. Er entsteht, weil Motorradreifen einen halbrunden Querschnitt haben und die Reifenflanken erst bei zunehmender Schräglage in der Kurve Kontakt zur Fahrbahn bekommen.

Die Breite des Angststreifens hängt von mehreren Faktoren ab: Reifenbreite , Kurventechnik und Fahrgeschwindigkeit. Das bedeutet konkret: Zwei Motorräder können mit identischer Geschwindigkeit durch dieselbe Kurve fahren – der Sportler mit 200er-Reifen zeigt danach deutlich weniger Angststreifen als die Enduro mit 150er-Reifen. Der Angststreifen sagt also nichts über die Fahrkompetenz aus.

Dazu kommt: Angststreifen sind sowieso kein einheitliches Phänomen. Ein Tourer mit schmalem Reifen wird im Vergleich zu einem Sportler mit breitem 200er-Schlappen immer mehr unberührte Flanke zeigen – obwohl beide exakt gleich schnell durch die gleiche Kurve fahren. Der breite Reifen braucht schlicht mehr Schräglage, um die Auflagefläche von der Kurveninnenseite wegzuschieben. Umgekehrt bedeutet das: Je breiter der Reifen, desto leichter lässt sich der Streifen wegradieren. Ein 240er Hinterreifen am Cruiser ist hingegen genau der Grund, warum diese Maschinen fürs Geradeausfahren gebaut sind.

Also: Fahre deinen Stil, halte dich an die Geschwindigkeit, und lass dich von niemandem zu einer Fahrweise provozieren, die deine Fähigkeiten übersteigt. Im öffentlichen Straßenverkehr lauern unbekannte Kurvenverläufe, Rollsplitt, schlechter Belag und Gegenverkehr – da ist man froh über jede Schräglagenreserve, die man noch hat.

Wenn der Angststreifen aus Imagegründen unbedingt weg muss: Rennstrecke. Oder besser noch: der Supermarktparkplatz nach Geschäftsschluss, denn auch schon bei geringer Geschwindigkeit und engen Kreisen bekommst Du Dein Motorrad auf Kante. Und sowas übt mehr als blödsinnige Heizerei.

Die Linke zum Gruß,
Euer Fritze von Kradmelder24


Mitwirkende
Fritze
Fritze

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