Roads To Siberia, Tag 47

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Mittwoch, 15. Juli 2015

Eigentlich wollten wir heute ein kleines bisschen fahren, 20 km die Straße rauf gibt es eine kleine Stichstraße, die anscheinend zum Fuß der Berge führt und für die augenscheinlich kein Propusk notwendig ist. Es gab wieder das klassische europäische Frühstück, natürlich selbst gemacht. Weil ich noch mit Barbara telefonieren wollte, legten wir den Start auf kurz nach Zehn.

Aber erstens kommt es anders als man zweitens denkt. Viertel vor Zehn klopfte es an der Zimmertür und eine nette Dame kam ins Zimmer, forderte uns auf, Passport und Immigration Card zu nehmen und ihr zu folgen. Mit vielen Fragezeichen im Gesicht nahmen wir unsere Papiere, und vier Reisende folgten ihr die Straße entlang zur örtlichen Meldebehörde. Dort erklärte uns eine junge Sachbearbeiterin in relativ gutem englisch, dass unsere Visa nicht mit dem Eintrag auf der Immigration Card übereinstimmen und wir deswegen eine Erklärung abgeben müssten. Dazu kam noch, dass bei einem Australier der Zeitraum in den Visa überschritten war, weil die mongolische Grenze geschlossen war. Wie dem auch sei, die netten Mädels im Büro versuchten auf außerordentlich umständliche Weise, dieses nicht ins Standardschema passende Problem zu lösen.

In unseren Visa war als Grund des Besuches „cultural relationship“ eingetragen, auf der Immigration Card haben die Grenzer aber „Privat“ als Besuchsgrund unterstrichen, wohl weil auf diesem Formular kein anderes Feld auch nur annähernd mit dem Visaeintrag übereinstimmte. Naja, das schien auf jeden Fall ein ernsthaftes Problem zu sein, wir mussten ihnen erklären, was unter „cultural relationship“ zu verstehen sei. Also sagten wir, wir machen Fotos von der Landschaft, treffen uns mit Russen, um mehr über Land und Leute erfahren, führen einen Reisebericht im Internet und halten in Deutschland Vorträge über unsere Reise und Erlebnisse während dieser Reise. Das versuchten die Mädels dann in ein Formular einzutragen und uns dann diese „Erklärung“ unterschreiben zu lassen. Allein das Fertigen dieser Erklärung mit diversen Nachfragen dauerte bis halb Eins. Dann bekam ich das erste Exemplar zum Lesen oder besser gesagt einigermaßen verständlich übersetzt und zeichnete es ab. Dann musste es geändert werden, weil ja auch noch der Passus „übersetzt und verstanden, Angaben nach bestem Wissen und Gewissen abgegeben“ eingefügt werden musste. Also das Ganze noch einmal. Nachdem meine Erklärung fertig war, kam Thom an die Reihe. Natürlich wieder mit vielen Nachfragen und dann bekam Thom das Exemplar zur Unterschrift vorgelegt. Als er mit freundlich spöttischen Unterton fragte „didn’t I get a translation?“ lachten wir wohl etwas zu laut, was der Chefin anscheinend gegen den Strich ging. Sie rief die Sachbearbeiterin zu sich und verpasste ihr ein paar harrsche Worte. Sichtlich geknickt kam sie zurück und gab uns zu verstehen, dass wir zurück ins Hotel gehen sollten und sie würden dort anrufen, wenn alle Papiere fertig sind.

Wir haben dieses Problem wohl nicht mit der nach Ansicht der Chefin gebotenen Ernsthaftigkeit aufgenommen, denke ich. Doch was bleibt uns Anderes übrig, als das Ganze gelassen zu sehen? Aufregen macht keinen Sinn, die Mädels machen nur ihre Arbeit. Okay, ich hätte das vielleicht anders gehandhabt, aber ich bin ja auch ein alter Verwaltungshase, die Mädels hingegen vielleicht zwei oder drei Jahre dabei und mit so einem Vorgang anscheinend völlig überfordert.

Zurück im Hotel kochten wir uns ersteinmal ein Mittagessen, schließlich macht Verwaltungsarbeit hungrig. Danach ist Thom dann doch zum Büro gegangen und kam wider Erwarten mit unseren Papieren und Kopien unserer Erklärung zurück. Also dauerte der gesamte Prozess knapp fünf Stunden. Da wiehert der Amtsschimmel, würde ich sagen. Einhellig haben wir dann beschlossen, das Papier vorerst nicht an der Grenze vorzuzeigen und bei der nächsten Einreise bei der „Immigration Card“ auf den richtigen Eintrag zu achten.

Auch wenn nahezu der ganze Tag gelaufen ist war, es doch eine Art Abenteuer. Was uns ein wenig zu Denken gibt, ist der scheinbar schlechte Stand der Ausbildung der Leute in der Verwaltung. Sie arbeiten sehr langsam, Eingaben in den PC dauern unendlich lange, und das lässt sich nicht nur damit erklären, dass sie unsere Namen quasi ins Russische übersetzen müssen. Vorgänge außerhalb von 08/15 scheinen sie völlig zu überfordern.

Ebenfalls überraschend ist, dass sich sowohl in den Hotels als auch in den Geschäften der Taschenrechner als unverzichtbares Tool eingebürgert hat. Selbst einfachste Additionen und Subtraktionen werden damit durchgeführt, zum Beispiel 100 + 20… unglaublich aus unserer Sicht. Wirklich erklären lässt sich das nicht, zumal bei uns heutzutage zumindest die Grundrechenarten nach wie vor gelehrt werden, andererseits erinnere ich so manchen Restaurantbesuch, wo wir kopfschüttelnd das Lokal verlassen haben ob der Rechenkünste des Personals.

Möglicherweise hat das ehemals gute russische Schulsystem böse nachgelassen oder die schlechten Schüler landen in der Verwaltung oder dem Dienstleistungssektor, was ich ebenso nicht wirklich glauben kann. Oder aber die nun viel selbständigeren Teilrepubliken der russischen Föderation haben sich auf andere Schwerpunkte statt Bildung festgelegt. Mal sehen, was meine Tante als ehemalige Lehrerin dazu sagen wird.

Da Thom seinen Kettensatz gewechselt hat, wollte er dann doch noch ein Stück fahren. Als er zurück kam, konnte er ein paar Neuigkeiten in Sachen Grenze berichten. Morgen um neun Uhr wird die Grenze geöffnet, und es stehen derzeit etwa zwanzig Autos vor der Grenze aufgereiht, dazu einige Radfahrer und eine Handvoll Motorräder. Weitere zwanzig Autos sind wohl wieder zurück nach Kosch Agach gefahren. Das kann morgen also recht interessant werden. Andererseits stehen Motorräder nicht in der Schlange, sondern fahren bis zum Stoppschild durch.

Wir planen um 7 Uhr loszufahren, damit wir rechtzeitig an der Grenze sind. Ansonsten lassen wir uns überraschen, wie sich der Grenzübergang gestaltet, und wie weit wir danach kommen. Zumindest Olgy ist angedacht. Heute wollen wir unsere Vorräte noch ein wenig auffrischen und dann mal gucken, wie wir den Abend gestalten. Wahrscheinlich ganz entspannt bei einem Bier und dann relativ zeitig zu Bett.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.
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