Norwegen-Tour 2013, Tag 9

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Sonntag, 21. Juli 2013 Lærdal – Vossevangen – Leirvik – Mundheim – Skjoldastraumen (ca. 380 km)

Jeder von uns ist heute morgen sehr früh wach, was ja bei dem ohrenbetäubenden Lärm, den das Fließgewässer nebenan verursacht, auch kein Wunder ist. War vielleicht doch keine so überragende Idee, direkt am Fluss zu kampieren. Zudem bekomme ich jede Bewegung außerhalb unseres Zeltes mit, und jede von Christians Bewegungen sowieso. Aber unser Luftbett für zwei Personen ist bequem. Also darüber kann ich nicht klagen. Und wenn man vernünftig liegt, ist alles andere nur noch halb so schlimm. Das Geraschel in den beiden anderen Zelten jedenfalls wird lauter, ich höre das charakteristische Surren eines Reißverschlusses, unverständliches Gemurmel und andere für einen Zeltplatz typische Geräusche. Plötzlich lässt jemand tierisch einen fahren, und spontane Empörung kippt in albernes Gelächter aller Anwesenden. Na, so kann der Tag wohl beginnen!

Meine Actioncam fängt am frühen Morgen die ersten zarten Sonnenstrahlen ein.

Also raus aus den Schlafsackfedern und ab zur Morgentoilette! Gar nicht so einfach, wenn keine da ist. Zähneputzen im reißenden Bach, obwohl da – wie mit eigenen Augen gesehen – überall meterlange Monster drin lauern, und arschkalt ist es auch noch!

Ich muss ja eine tolle Figur abgeben, mit meiner Gratiskaffeetasse voller Wasser in der Hand, der Zahnbürste im Mund und dem Handtuch über der Schulter. So stehe ich barfuß in den Fluten und schrubbe meine Zähne. Was wohl die Fische zu dem weißen Schaum sagen, den ich da gerade in ihr Wohnzimmer spucke? Wenn ich mich nicht beeile, werde ich wohl gleich meine Füße nicht mehr spüren in dem eiskalten Wasser.

Der saukalte Lærdalselvi dient als Waschbecken

Am Motorrad läuft seit gestern abend die Actioncam, aber diesmal gewollt: im Zeitraffermodus nimmt sie alle 5 Sekunden ein Bild auf. Ich bin gespannt, was dabei wohl herauskommt. Wenn mein Plan klappt, wird man in dem Film hinterher das Morgengrauen über den Bergen sehen können. Und vielleicht einen Yeti oder so. Man weiß ja nie.

Zum Essen haben wir Brot, Wurst, Käse und Marmelade im Repertoire. Gernot kocht uns frischen Kaffee und Frühstückseier. Der hat echt alles dabei, alle Achtung! Wir amüsieren uns beim Frühstücken über die Erlebnisse des gestrigen Abends und besprechen den Verlauf unserer heutigen Tour. Uns ist klar, dass der gleich beginnende Törn wieder recht anstrengend werden wird, denn wir müssen Strecke machen, um bei unserem Pensum nicht in Verzug zu geraten. Außerdem sind 30 Grad angesagt. Heute ist der 9. Tag, und am Abend sollen wir laut Plan im Bereich Bergen sein, das sind über 200 Kilometer – wenn nichts dazwischenkommt. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen: es werden am Ende fast doppelt so viel gewesen sein. Also packen wir unsere Sachen zusammen und sitzen auf. Selbstverständlich wird nichts zurückgelassen, und als wir abrücken, sieht der Platz wieder aus wie vor unserer Ankunft.

Wer hier reinfährt, sieht frühestens nach 25 Minuten wieder Tageslicht. Vorausgesetzt, er hält sich an die erlaubten 60 km/h.

Unsere heutige Reise beginnt gleich mal mit einer Attraktion der besonderen Art. Wer nämlich gestern vielleicht noch der Meinung war, dass die Tunnelröhren von Fodnes und Amla ganz schön lang gewesen seien, der wird nach dem jetzt bevorstehenden Erlebnis den Ausdruck lang neu definieren: es geht in den Lærdalstunnel, den mit knapp 25 Kilometer längsten Straßentunnel der Welt. Ein bisschen mulmig ist mir ja schon zumute, aber tapfer fahren wir hinein.

Zunächst entdecke ich an dem Tunnel nichts Ungewöhnliches, außer dass es mit zunehmender Eindringtiefe deutlich spürbar wärmer wird. Die Fahrt in der Röhre zieht sich hin, wir fahren nur 60. Aber dann, nach rund 6 Kilometern, taucht in der Ferne plötzlich ein sonderbar beleuchteter Hohlraum auf: die erste von drei riesigen Parkbuchten. Stimmungsvoll illuminiert mit blauem Licht, was wohl den Himmel nachahmen soll, und einem komischen Grellgrün für, naja, irgendwas anderes halt. Keine Ahnung. Der Raum ist ein merkwürdig anmutender runder Kuppelsaal, wie eine dicke Blase im Gartenschlauch, mit breiten Haltestreifen an beiden Fahrbahnseiten.

In der mittleren der drei Parkbuchten des Lærdaltunnels halten wir kurz für Beweisaufnahmen an.

Das sind keine gewöhnlichen Nothaltebuchten. Man soll hier Pause machen, zumindest wer mit der bedrückenden Szenerie nicht gut umgehen kann. Wir schaffen es jedoch noch locker für 6 weitere Kilometer und halten erst im mittleren Dom an. Das Thermometer meiner Maschine meldet 31°C. Wow, so warm! Draußen waren es gerade eben noch glatt 20 weniger. Wir steigen kurz ab, um schnell ein paar Fotos zu schießen. Man will zuhause ja schließlich zeigen können, wo man schon überall war.

Eine Szene wie im Film: wir verlassen den Flenjatunnel und haben für eine knappe Minute Sonnenlicht.

Auf der Fahrbahn sind dicke schwarze Kreise zu erkennen. Burn-Outs und Donuts. Die Dorfjugend der näheren Umgebung scheint diesen Ort zum Szenetreffpunkt erhoben zu haben und lässt hier offenbar regelmäßig die Sau raus. Fehlende Sanitäranlagen sind wohl der Grund dafür, dass es hier ganz fürchterlich nach Urin und anderen schlimmen Dingen duftet. Kein schönes Plätzchen, ganz und gar nicht. Also steigen wir schnell wieder auf und fahren weiter. Es ist eh‘ viel zu heiß hier drin. Den dritten Kuppelsaal beachten wir schon gar nicht mehr und ziehen durch.

Einfahrt zum Gudvangentunnel.

Nach gut einer halben Stunde erkennen wir wieder richtiges Tageslicht am Ende des Tunnels. In Aurland, welches inmitten hoher Felswände eingebettet zu sein scheint, haben wir den finsteren Schlauch endlich hinter uns, und ich genieße die frische und kühle Luft im Schatten zwischen den Gipfeln. Unser Weg führt direkt ans Ufer des Aurlandfjordes, die Gegend ist auch hier wieder mal wunderschön. Doch wer jetzt glaubt, die dunklen Strapazen überwunden zu haben, der irrt.

Die rund 6 Kilometer Richtung Flåm bieten uns nur eine kurze Verschnaufpause, denn zuvor folgt schon der nächste Tunnel mit einer Länge von etwa anderthalb Kilometern, und kurz darauf der 5 Kilometer lange Flenjatunnel. Als dieser uns schließlich wieder ans Tageslicht ausspuckt, gibt es nur ein klitzekleines Stückchen im Freien, so etwa 700 Meter lang, und schon geht es in die nächste Röhre hinein: den über 11 Kilometer langen Gudvangentunnel. Was für eine Tortur! Von insgesamt 51 Kilometern verlaufen gerade mal 7,5 unter freiem Himmel. Wahnsinn, diese Norweger! Kein Wunder, dass für fast alle besseren Straßen Maut verlangt wird. Naja, von anderen jedenfalls. Wir sind nämlich mit unseren Krädern auch hier fein raus.

Kuppelberg bei Stalheim.

In Stalheim nutzen wir die Gelegenheit zur Pause und fahren auf einen Parkplatz – wer weiß, ob nicht gleich schon die nächste dunkle Röhre kommt? Und überhaupt, die andauernde Beklemmtheit im Berg drückt auf die Blase. Die immer neuen Eindrücke, die sich uns nach jeder Tunnelausfahrt bieten, sind schlicht überwältigend. Eigentlich müsste man hier viel öfter anhalten und fotografieren was das Zeug hält.

Hier vor Ort fließt ein wilder Gebirgsbach zwischen schroffen Felswänden hindurch, das Naturschauspiel ist großartig, wir staunen einfach nur noch im Angesicht der mächtigen Kulisse. So muss auch der alte Wilhelm empfunden haben, auf dessen Spuren wir hier abermals ungewollt zu wandeln scheinen. Der hat hier wohl oft seinen Urlaub verbracht. Stalheim, pfff… kein Wunder, dass sich ein deutscher Kaiser hier wohlfühlt, denke ich mir noch. Kruppstahlheim, was?

Fluss durch Stalheim.

Wir vertreten uns ein bisschen die Beine und essen eine Kleinigkeit von unseren Vorräten. Nobbe ist direkt anzusehen, dass er von den vielen Tunneln die Schnauze gestrichen voll hat. Und zum Glück haben wir die meisten davon jetzt auch hinter uns. Es werden zwar noch genügend kommen, aber nicht mehr so elend lange Vertreter, und auch längst nicht mehr so häufig.

Nachdem wir ausreichend erholt sind, steigen wir auf und fahren weiter. Die Route führt entlang der E16 weiter nach Vossevangen, von dort auf der Rv13 zum Granvinsvatnet und anschließend rechts weiter zur Fv7, wo es gegen halb 11, kurz vor einem Ausläufer des Hardangerfjord, in Eide einen Tankstopp gibt. Mit unseren Django-Tassen werden wir hier wohl nichts: falsche Firma. Aber dafür gibt es leckeres Eis, und bei den inzwischen hochsommerlichen Temperaturen hätte ich sowieso keinen Kakao gemocht.

Entlang des Hardangerfjords auf der Fv7, zwischen Kvanndal und Ålvik.

Wir folgen weiter der Provinzstraße Fv7 am nördlichen Fjordufer von Kvanndal über Ålvik nach Steinstø und erleben einen der prachtvollsten Streckenabschnitte unserer bisherigen Reise. Steile Felswände zu unserer Rechten, das kristallklare Wasser zur Linken und dieser fantastische Blick voraus, das alles bei herrlichstem Sonnenschein. Fast komme ich mir vor wie irgendwo an der kroatischen Adria, und mir bleibt bei dieser unerwartet grandiosen Vorstellung echt die Spucke weg. Die Fahrbahnqualität ist hervorragend, diese Straße ist wie für uns gebaut, und an irgendwelche 80 halten sich Nobbe und ich schon lange nicht mehr. Nur Gernot und Tina, die sind schon wieder weit hinten.

Aussicht in das Tal vor Øystese, von Porsmyr kommend.

Aber bei der roten Ampel vor der Stahlbogenbrücke in Steinstø sind wir wieder beisammen. Auf der anderen Seite biegen wir nach rechts in eine sehr schmale Seitenstraße, die nicht viel breiter als ein Auto ist, jedoch einen überraschend gut asphaltierten Fahrbahnbelag bietet. Der steile und kurvige Bergweg führt uns über einen Pass nach Porsmyr, und auf der anderen Seite hinunter nach Øystese. Auch hier wieder ein unbeschreiblich schönes Panorama, jedoch komplett unterschiedlich zu dem zuvor erlebten. Ich fühle mich gedanklich in die italienischen Alpen katapultiert, als ich den Fjordausläufer und die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund sehe. Mann, was haben es die Leute schön hier!

Ab Norheimsund geht es auf der 49 weiter entlang des Fjordufers in Richtung Mundheim, wo wir in Strandebarm die nächste dringend benötigte Erfrischungspause einlegen. Die Temperaturanzeige in der Armaturentafel ist schon auf weit über 30 Grad geklettert, die Sonne knallt unbarmherzig auf uns herunter, und schweißnass ächzen wir in den Klamotten. Unser Konsum an Eis und kalten Getränken dürfte den Verbrauch von Kraftstoff inzwischen bei Weitem überstiegen haben.

Beim Kartenstudium an einer Sitzgruppe der einzigen Tankstelle des malerischen Fleckens stellen wir verbittert fest, den Abzweig nach Bergen in Norheimsund verpasst zu haben, das liegt jetzt 45 Kilometer zurück. Wir waren wohl vom Anblick des Hardangerfjordes dermaßen überwältigt, dass wir, wie magisch davon angezogen, einfach an ihm weiter entlanggefahren sind.

Wer sich jetzt fragt, wie man sich trotz Navigationsgerät verfahren kann: ich hatte die immer noch feuchten Audiokabel nicht angeschlossen, weil mir das nervige Geknister auf den Senkel ging, und so hab den Rechtspfeil zum Abbiegen vor lauter Herumschauen einfach verpasst. Danach hat das Gerät unbemerkt eine neue Route berechnet, der ich dann eben weiter gefolgt bin – und meine Mitstreiter mir kritiklos hinterher. Jedenfalls beschließen wir während der Pause, Bergen rechts liegen zu lassen und stattdessen weiter Richtung Haugesund zu stoßen. Und mal ehrlich: zum Städte ansehen sind wir sowieso nicht hier.

Tag9-Hodnanes
Auf der Fähre Hodnanes-Jektevik: es ist uns vielleicht nicht anzusehen, aber wir sind ziemlich fertig!

Weiter auf der Uferstraße erreichen wir Lundegrend, wo die 49 einen fetten Schlenker macht. Wir folgen ihrem Verlauf, um schließlich nach weiteren rund 25 Kilometern die Fähre von Hodnanes nach Jektevik zu nehmen. Die wievielte war das heute schon wieder? Ach, die erste… echt? Kam mir gar nicht so vor, inzwischen hab ich total den Überblick verloren.

Drüben angekommen geht es ohne Pause weiter nach Leirvik, und wir müssen zum Pinkeln kurz anhalten. Dringend! Das viele Wasser, das wir ständig in uns reinschütten, kennt halt keine Gnade. Also, ganz nach dem legendären Motto: „Elli, das Wasser muss raus!“ erledigen wir in einer Böschung am Ortsrand, was zu erledigen ist. Später am Abend, wird mir klar werden, dass ich bei dieser Gelegenheit meine schöne FYYFF-Mütze im hohen Gras verloren haben muss. Ist mir offenbar unbemerkt aus der Jacke gefallen, als ich diese öffnete und meine Hauptlenzpumpe in Betrieb nahm. Verdammte Sauzucht!

Unsere karge Hütte beim Skjoldastraumen Camping.

Jedenfalls halten wir uns nur mit dem Nötigsten auf und fahren unverzüglich weiter, schließlich ist es schon nach 18 Uhr und wir haben noch ein paar Meilen vor uns – und keine Ahnung, wo wir die Nacht verbringen werden. Also folgen wir der E39 über die Stordabrücke auf die Insel Føyno und von dort durch den rund 8 Kilometer langen Bømlafjordtunnel weiter Richtung Grinde. Um nicht bei Vestre Boken in eine Sackgasse zu geraten, biegen wir nach links in Richtung Osten ab und beschließen, ab jetzt auf die blauen Schilder mit dem Wohnwagen zu achten. Wir sind erledigt und brauchen jetzt eine Absteige.

Auf dem Skjoldastraumen Camping werden wir kurz vor 8 trotz fortgeschrittener Tageszeit auf Anhieb fündig und mieten uns eine wirklich schlichte Vierbetthütte, jedoch mit Sofa, Kochzeile, Dusche und WC. Etwas größeres ist leider nicht mehr zu bekommen. Die beige Holzkiste versprüht den Charme eines Wohncontainers, aber nach insgesamt 10 Stunden Fahrt und fast 400 aufregenden Kilometern im Hintern sind wir komplett erleichtert, heute keinen einzigen Meter mehr fahren zu müssen. Beim Auspacken wird mir klar, dass meine Mütze weg ist. Aber irgendwie ist mir das jetzt auch egal.

Links:
Skjoldastraumen Camping (Facebook)
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Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
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