Norwegen-Tour 2013, Tag 12

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Mittwoch, 24. Juli 2013 Jørpeland – Orre – Egersund – Flekkefjord – Aukland – Kristiansand (ca. 340 km)

Am Morgen stehen wir alle noch unter dem Eindruck des gestrigen Tages. Ich sitze im Wohnzimmer am Couchtisch und betrachte den Kabelsalat. Mit meinem Mini-Laptop verschiebe ich die vielen Bilder und Videos von den Speicherkarten auf eine externe Festplatte, um meine Geräte angesichts der bevorstehenden Tagestour klar für weitere Aufnahmen zu machen. Der bereits etwas altersschwache Computer lässt sich beim Überspielen viel Zeit. Vor ein paar Jahren war so ein Eee-PC noch der letzte Schrei, und ich hatte ihn auf meinen Reisen immer gerne dabei gehabt. Aber inzwischen ist er zu langsam – oder die zu kopierenden Datenmengen einfach zu groß, wer weiß.

Unser heutiges Tagesziel soll Kristiansand sein, wir planen die Strecke möglichst dicht an der Westküste entlang. Eigentlich könnte man aus den über 320 Kilometern gut zwei Tagestouren machen, aber wir haben uns für morgen einen Museumsbesuch vorgenommen und wollen dort einen motorradfreien Tag einlegen. Und da wir jetzt mit nur noch zwei Krädern wesentlich zügiger vorankommen, sollte das Pensum locker zu schaffen sein.

Gegend bei Årsland.

Am späten Vormittag haben wir die Bude in einen übergabefertigen Zustand gebracht und verabschieden uns von dem sehr netten aber doch etwas merkwürdigen Vermieter. Hier könnte man echt mal ein paar Wochen Urlaub machen, denke ich mir bei einem fast wehleidigen Blick zurück auf das schöne Anwesen. Aber nur mit Schönwettergarantie. Wo wohl Gernot und Tina die Nacht verbracht haben? Wir werfen noch eben den halbleeren Müllsack in die Tonne und steigen auf die Motorräder. Christian wird heute wieder bei mir sitzen.

Blick aufs offene Meer. Nach Scapa Flow geht es immer gerade aus!

Zuächst geht es, wie gestern schon, auf der E13 nach Oanes und dort mit der Fähre hinüber nach Lauvvik. Danach folgen wir jedoch einer schmalen Seitenstraße über Sviland nach Hana, wo nach 16 Kilometern wieder auf die E13 weiter Richtung Westen eingebogen wird. Von dort geht es dann über Gandal nach Kleppe, und schließlich nach rechts auf die Rv507 in Richtung Küste.

Ab hier folgen wir einer kurventschnisch zwar anspruchslosen, aber optisch sehr schönen Strecke über die brettebene Landschaft und genießen dabei den ungestörten Blick auf das weite Meer bei herrlichem Sonnenschein und den inzwischen unspektakulär üblichen 30 Grad. Irgendwo dort hinten liegt Schottland, auf dessen nördlichsten Breiten wir inzwischen angekommen sein dürften, und wohin Nobbe und ich in den kommenden Jahren hoffentlich noch reisen werden. Hinter Årsland sind wir inzwischen schon wieder auf der 44 und legen auf einem Parkplatz eine erste Pause ein. Seit der Abfahrt in Jørpeland haben wir jetzt knappe 100 Kilometer zurückgelegt.

In der Gegend um Sirevåg wird die Landschaft wieder etwas hügeliger, und auch die Anzahl der Kurven steigt in erfreulichem Maße an. Die sich abwechselnden Seen und Felsformationen schauen aus wie Fjorde im Miniaturformat, und ich denke an die herrlichen Eindrücke der letzten Tage zurück.

Prima Kurven auf der Reichsstraße Rv44.

Leider ist dieser schöne Streckenabschnitt viel zu schnell durchquert, und rasch erreichen wir die Stadt Egersund, wo bei der dortigen Tanke ein weiterer Halt eingelegt wird. Es ist schon wieder viel zu warm, wir wollen kühle Getränke auffüllen und natürlich ein Eis essen. Unsere speziellen Tassen können wir stecken lassen, obwohl wir hier ja Anspruch auf freie Getränke hätten, aber niemand von uns will jetzt etwas Heißes trinken.

Im Zeitungsständer vor der Kasse fallen mir die Boulevardblätter ins Auge. Fast alle von ihnen machen heute in riesigen Lettern mit der momentanen Hitzewelle auf und veranstalten wegen der Temperaturen dieser Tage ein ziemliches Bohei. Innerlich freue ich mich fast diebisch über den enormen Zufall, dieses Schönwetterfenster genau erwischt zu haben. Die Hitze wird sogar schon für einen Toten verantwortlich gemacht, wenn ich den Text und das dazugehörige Foto richtig interpretiere. Naja, die hiesige Großbuchstabenpresse lässt sich über den selben überflüssigen Quatsch aus wie unsere. Die sollten mal lieber über die wichtigen Dinge der Welt berichten, denke ich mir beim Hinausgehen. Aber das Eis schmeckt lecker!

Jøssingfjordtunnel bei Fladen.

Weiter auf der 44 erreichen wir den vergleichsweise kleinen Jøssingfjord, wo uns der Straßenverlauf aufregende Kurven und ein bemerkenswertes Panorama beschert. Nach den vielen zurückliegenden Kilometern über das flache Land hätte ich diese Berg- und Talbahn nicht mehr erwartet. Abermals stelle ich erstaunt fest, dass sich die vorbeiziehende Landschaft hier in Norwegen innerhalb kürzester Zeit radikal ändern kann – und die Straßenverhältnisse sowieso: plötzlich ist erhöhte Vorsicht geboten, als die Fahrbahn bei einem Kieswerk wegen der dortigen Baustellenausfahrt sehr rutschig wird. Aber nix passiert, das sah schlimmer aus als es war.

Per Wheelie fährt Nobbe auf die schmale Stahlbrücke in Åna-Sira.

Der ausgesprochen schöne Streckenabschnitt, vorbei an dutzendenden von Seen und Felsen, führt uns weiter über Åna-Sira bis nach Flekkefjord, wo wir rechts auf die E39 einbiegen. Die Gegend ändert ihren Charakter von Kilometer zu Kilometer zusehends und wird deutlich urbaner, je dichter wir an Kristiansand heranrücken. Ich befürchte langsam, dass damit auch die Campingplatzdichte abnimmt und hab schon wildeste Vorstellungen hinsichtlich unserer Verbringung der kommenden Nacht.

Auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht stecken wir eine Niederlage nach der anderen ein.

Deshalb beginnen wir im näheren Umfeld Kristiansands ebenfalls auf weiße Schilder mit dem schwarzen Häuschen zu achten, dem Hinweis auf Privatpensionen mit Bed & Breakfast. Wir klappern eine Möglichkeit nach der anderen ab, die jetzt nur noch selten vorkommenden Zeltplätze mit Hütten sowieso. Und selbst etwas weiter außerhalb, in Aukland, Justik oder Ryen, überall nur geschlossen oder belegt. Wir ziehen lauter Nieten. Langsam nervt’s und der Tag wird immer später.

Wiederum einem Glückstreffer haben wir es zu verdanken, dass uns der Weg auf die Halbinsel Dvergsnes führt, wo wir unweit vom Kristiansand Feriesenter ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift Rom, dem norwegischen Wort für Zimmer (bzw. Raum), am Baumstamm vor einer Hofeinfahrt sehen. Wir fahren hinein und kommen an ein Gebäude, das auf mich den Eindruck einer Jugendherberge macht.

Das Kristiansand Døveforening am Dvergsnessvingen.

Wir stellen die Maschinen ab und gehen hinein. Gleich hinter der gläsernen Eingangstür hängen große Pinboards beidseitig an den Wänden, mit Speisekarten und Belegungsplänen, Wanderkarten, Verhaltensregeln für Notfälle und allerlei sonstigem Infomaterial. In dem vor uns liegenden langen Flur öffnet sich eine Tür und eine freundliche jüngere Frau begrüßt uns, indem Sie uns einen Zettel hinhält. Wir sind im Kristiansand Døveforening gelandet, steht dort zu lesen, einer Ferien- und Kongressanlage für gehörlose Menschen. Okay, denke ich, jetzt kann’s nochmal spannend werden. Die Dame weiß längst, wonach wir suchen und gibt uns wortlos eine Broschüre mit Informationen zu den angebotenen Zimmern und Preisen. Wir lesen uns die Sache kurz durch und begreifen, dass man nicht zwangsläufig taubstumm sein muss, um hier ein Zimmer zu bekommen. Also beschließen wir hierzubleiben, und zwar zwei Nächte lang. Die Miete ist für jede Nacht in bar im Voraus zu bezahlen, wir legen gleich das Geld für beide hin. Dann drückt sie uns einen Schlüsselbund in die Hand und fordert per Handzeichen auf zu folgen.

Unser Zimmer liegt auf der unteren Etage und besteht aus einem schlichten Raum mit zwei Doppelspinden, zwei Stockbetten, einem kleinen Tisch nebst Stuhl sowie einem Waschbecken. Die kleine Butze hat den Flair einer Kasernenstube, ist sonst aber tipptopp sauber, und das Mobiliar scheint nagelneu zu sein. Neben weiteren Zimmern befinden sich hier unten noch eine Sammeldusche, getrennte Toiletten sowie ein größerer Gruppenraum mit einem Fernseher und vielen bequemen Sesseln. Überall im Flur kleben große Hinweisschilder für Notausgang und Feuerlöscher an den Wänden, was ein wenig meine Urlaubsstimmung trübt. Ich komme mir fast vor wie in einem Luftschutzbunker. Wir schmeißen unsere Sachen auf die zuvor ausgeknobelten Betten und ziehen die Motorradklamotten aus. Draußen, direkt vor unserem Fenster, stehen unsere zuvor dort hinuntergfahrenen Kräder.

Nach anfänglicher, jedoch völlig unbegründeter Skepsis gefällt es uns sehr gut in unserer neuen Behausung. Wir fahren in kurzen Hosen und T-Shirts die paar hundert Meter nach Valsvik, um uns im dortigen Supermarkt mit reichlich, äh, Proviant für die kommenden Abende einzudecken. Natürlich wieder zu den ortsüblich Mark erschütternden Kursen.

Beim Abendessen sprechen wir über das morgige Kulturprogramm, für welches wir nach Møvik fahren werden.

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Links:
Kristiansand Døveforening

Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
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