Was Motorradfahren mit deinem Gehirn macht

Wer regelmäßig fährt, kennt das Gefühl. Man steigt gestresst aufs Motorrad, die Straße öffnet sich, und nach ein paar Kilometern ist der Kopf klar. Lange galt das als reine Gefühlssache. Inzwischen gibt es dazu handfeste Untersuchungen, und sie bestätigen einen guten Teil dessen, was Fahrer ohnehin ahnten. Nicht alles, was im Netz kursiert, hält einer Prüfung stand. Deshalb hier nur das, was sich belegen lässt.

Motorradfahren schärft die Aufmerksamkeit

Neurowissenschaftler des Semel Institute der UCLA haben mehr als 50 erfahrene Fahrer mit mobiler EEG-Technik untersucht, jeweils im Ruhezustand, beim Autofahren und beim Motorradfahren. Beim Fahren stiegen sensorische Verarbeitung und visuelle Aufmerksamkeit messbar an. Der Fahrer nahm seine Umgebung intensiver wahr und ließ sich weniger ablenken. Das deckt sich mit dem, was jeder auf einer anspruchsvollen Strecke erlebt. Man ist einfach wacher.

Der Grund liegt in den Anforderungen selbst. Autofahren ist bequem und fordert das Gehirn wenig. Motorradfahren verlangt Balance, ständige Feinkorrekturen an Gas, Kupplung und Bremse, dazu ein fortlaufendes Einschätzen von Abständen, Tempo und dem Verhalten anderer. All das läuft parallel und schneller, als bewusstes Nachdenken es könnte. Genau diese Kombination hält den Kopf auf Trab.

Regelmäßiges Fahren fordert das Gehirn

Über den Effekt einer einzelnen Motorradfahrt hinaus geht eine Untersuchung von Ryuta Kawashima, dem Neurowissenschaftler hinter dem bekannten Gehirnjogging. Sie entstand an der Tohoku-Universität gemeinsam mit Yamaha. Männer mit längerer Fahrpause fuhren zwei Monate lang wieder regelmäßig im Alltag, und ihre räumlich-visuelle Kognition verbesserte sich gegenüber einer Vergleichsgruppe. Zusätzlich berichteten die Teilnehmer von weniger Stress und besserer Stimmung.

Ehrlich bleiben gehört dazu: Die Gruppe war klein, das ist ein deutlicher Hinweis, kein abschließender Beweis. Aber er passt ins Bild. Tätigkeiten, die gleichzeitig Gleichgewicht, Koordination und schnelle Entscheidungen verlangen, gelten als besonders wirksam, um geistige Beweglichkeit zu erhalten. Neurowissenschaftler stellen diesen Reiz gern neben das Erlernen eines Instruments oder einer Sprache. Motorradfahren liefert genau diese Art Herausforderung, und zwar jedes Mal, ohne dass man sich zu Rätseln oder Gehirnspielen zwingen müsste.

Der Körper arbeitet mit

Auch körperlich passiert mehr, als es aussieht. Die Rumpfmuskulatur stabilisiert die Maschine, die Beine führen am Tank, Arme und Schultern bedienen die Bedienelemente, die Hände trainieren nebenbei ihre Griffkraft. Auf kurvigen Strecken oder im Gelände, wenn man auf den Rasten steht, wird das spürbar anstrengend. Für konkrete Kalorienzahlen gibt es keine belastbare Motorrad-Studie, deshalb spare ich mir hier eine Scheingenauigkeit. Fest steht: Es hält die Gelenke beweglich und die Muskulatur wach, ohne den Körper hart zu belasten. Gerade mit den Jahren ist das eine angenehme Form von Bewegung.

Weniger Stress, mehr Gegenwart

Der vielleicht wichtigste Punkt betrifft den Stress. In der UCLA-Untersuchung sank der Stressmarker Cortisol nach einer rund zwanzigminütigen Fahrt deutlich. Fahren beruhigt also nicht nur gefühlt, sondern messbar. Dazu kommt ein Zustand, den Psychologen Flow nennen. Das Gedankenkarussell wird leiser, die unbezahlte Rechnung und die Aufgabenliste treten in den Hintergrund, man ist vollständig im Hier und Jetzt. Dieser Zustand gilt als einer der gesündesten, die ein Mensch erleben kann. Meditation in Bewegung trifft es gut.

Der passende Song zum Thema: Du steigst aufs Motorrad und die schlechten Gedanken verschwinden.

Chronischer Stress zählt zu den schädlichsten Einflüssen für Kopf und Körper. Alles, was ihn zuverlässig senkt, ist wertvoll, und Fahren schafft das auf natürliche Weise, ohne Rezept und ohne Bildschirm.

Verbunden bleiben

Bleibt die Gemeinschaft. Hier gebiete ich der Begeisterung bewusst Einhalt, denn Studien, die Motorradclubs direkt mit längerem Leben verknüpfen, gibt es kaum. Belegt ist das Allgemeine: Menschen mit starken sozialen Bindungen bleiben geistig fitter und zufriedener, Einsamkeit dagegen gilt heute als ernster Risikofaktor. Ob der eigene Kreis nun aus Fahrern besteht oder aus einem Kegelverein, ist für die Gesundheit zweitrangig. Entscheidend ist das Gefühl, dazuzugehören und dass andere mit einem rechnen. Dass unser Teamkradmelder24 das zufällig auf zwei Rädern lebt, mit gemeinsamen Ausfahrten und jährlichen Mega-Treffen, macht die Sache nur schöner.

Was das fürs Älterwerden bedeutet

Genau hier wird es für ältere Fahrer interessant. Die Fähigkeiten des Frontalhirns, also Gedächtnis, Verarbeitung und schnelles Reagieren, beginnen schon ab etwa dem zwanzigsten Lebensjahr langsam nachzulassen. Dieser Abbau lässt sich zwar nicht aufhalten, aber bremsen, und zwar durch genau die Art von Reiz, die Fahren liefert: fordernd, abwechslungsreich, mit voller Aufmerksamkeit. Das ist kein Verjüngungsversprechen, sondern der nüchterne „use it or lose it“-Gedanke, auf den sich die Forschung weitgehend einig ist.

Fritze weiß es längst: das Motorrad ist die Yoga-Matte. Hier im MV180 auf Youtube.

Bemerkenswert ist, dass in der Kawashima-Studie gerade die Wiedereinsteiger profitierten, also Fahrer, die nach langer Pause zurückkamen. Das passt zu einer Entwicklung, die man auf jeder Tour sieht: Das Durchschnittsalter der Motorradfahrer ist deutlich gestiegen, viele steigen erst mit fünfzig oder sechzig wieder auf. Wer das tut, hängt den Helm eben nicht an den Nagel, sondern gibt dem Kopf regelmäßig etwas zu tun. Solange Gesundheit und Aufmerksamkeit mitspielen, spricht viel dafür, dranzubleiben. Nicht weil es jünger macht, sondern weil es hilft, länger wach und beweglich zu bleiben.

Kurz gesagt

Motorradfahren macht wach, senkt kurzfristig den Stress und fordert das Gehirn auf eine Weise, die der Alltag nicht oder zumindest selten erreicht. Das ist ordentlich belegt und Grund genug, jedem Spruch über das Alter gelassen zu begegnen. Eine Bedingung bleibt allerdings, und sie steht über allem: Nur wer sicher ankommt, hat etwas von diesen Vorteilen. Runter vom Gas, Motorradfahren mit Hirn. Der Rest kommt dann von ganz allein.

Die Linke zum Gruß,
Euer Fritze von Kradmelder24

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