Road Pricing in Europa: Werden Motorräder bestraft?
Ob Citymaut, zeitbasierte Staugebühren oder kilometerabhängige Abgaben – überall in Europa suchen Städte nach Wegen, den Autoverkehr in Innenstädten zu reduzieren. Die Modelle tragen unterschiedliche Namen und funktionieren verschieden: In London zahlt man pauschal für die Einfahrt in eine Stadtzone. In Stockholm wird je nach Tageszeit abgerechnet. In Dänemark wird gerade über zeitlich gestaffelte Congestion Charges diskutiert. Doch so unterschiedlich die Ansätze auch sind – eine Frage stellt sich bei allen gleichermaßen: Was passiert mit den Motorrädern?
Dänemark: Motorräder kommen in der Debatte nicht vor
Ein aktueller Bericht empfiehlt differenzierte Staugebühren als eines der wirksamsten Instrumente gegen die wachsenden Staus in dänischen Städten. Die Idee: Wer zu Stoßzeiten fährt, zahlt mehr. Doch wer genau hinhört, bemerkt eine auffällige Leerstelle – Motorräder werden schlicht nicht erwähnt.
Der dänische Motorradverband DMC hat genau dieses Problem erkannt und sich in die politische Diskussion eingeschaltet. Die zentrale Forderung: Motorräder dürfen nicht einfach in denselben Topf geworfen werden wie Pkw. Denn wer auf zwei Rädern unterwegs ist, beansprucht weniger Platz, verursacht weniger Stau und trägt damit aktiv zur Entlastung des Verkehrs bei. Motorräder als Teil des Problems zu behandeln, wäre verkehrspolitisch kontraproduktiv – und unfair.
Skandinavien: So geht es richtig
In direkter Nachbarschaft Dänemarks gibt es bereits funktionierende Modelle, die zeigen, wie eine kluge Differenzierung aussehen kann. Sowohl Norwegen als auch Schweden erheben in ihren Großstädten Gebühren für den Straßenverkehr – und nehmen Motorräder bewusst davon aus. In Norwegen sind Motorradfahrer auf den meisten mautpflichtigen Strecken grundsätzlich befreit. Die Logik ist klar: Ein Fahrzeug, das weniger Platz braucht und den Verkehrsfluss verbessert, soll nicht bestraft werden.
Auch die OECD stützt diese Sichtweise. Studien der Organisation zeigen, dass bereits eine geringe Verlagerung vom Pkw auf Motorräder und Roller die Staubelastung in Städten spürbar senken kann. Die europäische Dachorganisation FEMA (Federation of European Motorcyclists‘ Associations) hat umfangreiches Material zusammengetragen, das diese Erkenntnisse untermauert.
London: Das Gegenbeispiel
Nicht überall wird so differenziert gedacht. In London gilt die Congestion Charge – hier eine pauschale Citymaut – auch für Motorräder. Seit Januar 2026 liegt die tägliche Gebühr bei 18 Pfund. Wer fünf Tage die Woche in die Innenstadt pendelt, zahlt inzwischen rund 4.500 Pfund pro Jahr. Ob Pkw oder Motorrad, ob Stauverursacher oder Staulöser – alle werden gleich behandelt. Eine verkehrspolitisch fragwürdige Entscheidung.
Und was ist mit Deutschland?

Auch wenn zeitbasierte Staugebühren nach skandinavischem Vorbild in Deutschland kaum auf der Agenda stehen, ist die Debatte um eine Citymaut durchaus präsent. Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben empfohlen, dass Berlin als erste deutsche Stadt eine Citymaut einführen sollte. Der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie hat im Auftrag der Senatsverkehrsverwaltung bereits ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Auch in Frankfurt gibt es vergleichbare Überlegungen.
Bisher wurde allerdings noch nichts beschlossen – konkrete Pläne sind vorerst zurückgestellt, doch die politische Diskussion reißt nicht ab. Der ADAC steht dem Modell kritisch gegenüber. Und wie so oft bei verkehrspolitischen Debatten in Deutschland fehlt auch hier die Stimme der Motorradfahrer weitgehend. Sollte eine Citymaut kommen, droht dasselbe Muster wie in London: Motorräder werden pauschal miterfasst, ohne ihre Vorteile im Stadtverkehr zu berücksichtigen.
Die entscheidende Frage
Egal ob Citymaut, Congestion Charge oder Road Pricing – die Grundsatzfrage bleibt dieselbe: Werden Motorräder als Teil des Stauproblems betrachtet und pauschal zur Kasse gebeten? Oder erkennt die Politik, dass Zweiräder zur Lösung beitragen?
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Motorräder brauchen weniger Straßenfläche, stehen seltener im Stau und entlasten den Verkehrsfluss. Wer ernsthaft Staus reduzieren will, sollte effiziente Verkehrsmittel nicht bestrafen, sondern fördern. Die skandinavischen Länder haben das verstanden. Es liegt an den politischen Entscheidungsträgern in Dänemark, Deutschland und anderswo, von diesen Erfahrungen zu lernen – bevor Motorradfahrer unter die Räder einer pauschal gedachten Gebührenpolitik geraten.
- FEMA: Motorcycles are part of the solution, not a target for new tolls
- Wikipedia: Innenstadtmaut
- Forschung und Wissen: Experten empfehlen Citymaut in Deutschland
- Cinch: Congestion Charge earnings increase for TfL in 2026
- Bussgeldkatalog: Maut in Norwegen fürs Motorrad
- MOTORRAD Online: Maut für Motorradfahrer in Europa









