Google-Blitzerwarnung am Krad – erlaubt, verboten, riskant?

Schon 2019 habe ich hier berichtet, dass Google plant, Blitzer- und Unfallwarnungen in Google Maps einzubauen. Damals war es noch eine Testfunktion, der DVR sprach bereits von einer „katastrophalen Fehlentwicklung für die Verkehrssicherheit“. Inzwischen ist die Funktion in vielen Ländern längst aktiv – und das Thema ist aktueller denn je. Für Motorradfahrer ist es gleich aus zwei Gründen brisant.

Was Google Maps heute macht

In zahlreichen Ländern zeigt Google Maps während der Navigation in Echtzeit Warnungen vor Geschwindigkeitskontrollen, Unfällen, Gefahrenstellen und liegengebliebenen Fahrzeugen an. Die Informationen kommen nicht von Google selbst, sondern werden von der Community gemeldet – also von anderen Nutzern, die gerade unterwegs sind und per Fingertipp einen Blitzer oder Unfall einpflegen.

Das klingt zunächst harmlos. Ist es aber nicht. Denn Google lädt die Nutzer aktiv dazu ein, selbst Meldungen abzusetzen – während der Fahrt. Per Knopfdruck auf dem Display, mitten im Verkehr.

Kurz gesagt: Google Maps animiert Fahrer dazu, während der Fahrt ihr Smartphone zu bedienen. Das ist das eigentliche Problem.

In Deutschland: verboten – aber mit Hintertüren

Die Rechtslage in Deutschland ist eindeutig. § 23 Abs. 1c StVO verbietet es, während der Fahrt ein technisches Gerät zu betreiben oder betriebsbereit mitzuführen, das dazu bestimmt ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen oder zu stören. Das gilt für Radarwarner genauso wie für Blitzer-Apps auf dem Smartphone.

Google hat die Blitzerwarnung für deutsche Nutzer daher offiziell nicht freigeschaltet – Google Maps zeigt in Deutschland keine Blitzerwarnungen an. Soweit, so gut.

Ich-Perspektive eines Motorradfahrers bei hoher Geschwindigkeit; im Cockpit ein Smartphone mit Navigationskarte, während die rechte Hand den Bildschirm berührt. Die Straße im Hintergrund verschwimmt.
Die Bedienung des Smartphones während der Fahrt: nicht nur verboten, sondern vor allem sehr gefährlich.

Allerdings gibt es im Netz zahlreiche Anleitungen, wie man diese Sperre mit Drittanbieter-Apps als Overlay umgehen kann. Wer das tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit: 75 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg. Seit einem Urteil des OLG Karlsruhe (Az. 2 ORbs 35 Ss 9/23) gilt das Verbot übrigens auch für den Beifahrer – es reicht also nicht, dass der Fahrer selbst die App nicht bedient.

Auch der Beifahrer macht sich strafbar, wenn er eine aktive Blitzer-App auf dem Handy mitführt. Das Verbot gilt für das gesamte Fahrzeug.

Unfallwarnungen: die legale Grauzone

Warnungen vor Unfällen, Baustellen oder Stauenden – also keine Geschwindigkeitskameras – fallen nicht unter das Blitzerwarner-Verbot. Google Maps zeigt diese auch in Deutschland an. Und genau hier liegt eine oft übersehene Gefahr:

Diese Meldungen erscheinen als Overlay direkt auf der Navigationskarte, mitten in der Fahrt. Sie fordern zur Interaktion auf – „Noch da?“ fragt Google Maps gerne, wenn man an einer gemeldeten Gefahrenstelle vorbeigefahren ist. Ein Tipp auf „Danke“ oder „Nicht mehr vorhanden“ und man hat Google Maps gefüttert. Aber auch: einen Moment nicht auf die Straße geschaut.

Am Auto mag das noch irgendwie tolerierbar erscheinen, auch wenn es rechtlich und sicherheitstechnisch fragwürdig ist. Am Motorrad ist es eine andere Dimension.

Am Motorrad: warum das besonders gefährlich ist

Motorradfahren verlangt eine deutlich höhere kognitive und physische Beteiligung als Autofahren. Es gibt keine schützende Karosserie, keinen Airbag, keine automatische Stabilitätskontrolle, die einen rausfängt. Jede Ablenkung trifft einen direkt.

Wenn Google Maps mitten in einer Kurve eine Unfall-Meldung einblendet – und das tut es, wenn gerade jemand vor einem einen Unfall gemeldet hat – dann passiert Folgendes: Das Display leuchtet anders auf. Der Blick zieht unweigerlich zum Gerät. Der Gedanke „Was war das?“ entsteht. Und im schlimmsten Fall wandert der Daumen Richtung Touchscreen.

Wir reden dabei nicht von Sekunden. Schon ein kurzer Blick aufs Display bei 80 km/h auf einer Passstraße bedeutet über 20 Meter Blindflug. In einer engen Kurve kann das das Ende sein.

Eine Studie mit über 400 Motorradfahrern zeigt: Aktivitäten wie Navigation und Displayinteraktion während der Fahrt hängen statistisch signifikant mit Fahrfehlern und Beinahe-Unfällen zusammen.

Das eigentliche Problem: das Geschäftsmodell

Warum macht Google das? Weil Community-Daten Googles Goldmine sind. Je mehr Nutzer aktiv melden, desto präziser werden die Echtzeit-Informationen, desto wertvoller wird das Produkt. Google hat also ein direktes wirtschaftliches Interesse daran, dass möglichst viele Nutzer möglichst viele Daten einspeisen – auch während der Fahrt.

Die DVR-Einschätzung von 2019 war treffend: Eine solche Funktion ist besonders problematisch, weil sie Fahrer dazu verleitet, aktiv mit dem Gerät zu interagieren, anstatt sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil – die Funktion ist inzwischen globaler Standard.

Ablenkung: eine der Haupt-Unfallursachen

Ablenkung am Steuer erhöht das Unfallrisiko um bis zu 89 Prozent – auf Autobahnen ist sie bereits die häufigste Ursache für Unfälle mit Personenschaden. Laut Allianz-Unfallforschung ist sie gleichzeitig die am stärksten unterschätzte Unfallursache überhaupt: Die Dunkelziffer ist enorm, weil Ablenkung an der Unfallstelle schwer nachweisbar ist.

Ein Blick aufs Display für nur 3 Sekunden bedeutet bei 100 km/h knapp 84 Meter Blindflug. Am Motorrad – ohne Karosserie, ohne Airbag – kann das tödlich sein.

Bußgeld für Handynutzung am Steuer:

100 € + 1 Punkt in Flensburg. Das gilt auch für das Bedienen einer Navigations-App während der Fahrt.

Und was ist mit dem Ausland?

Wer mit dem Motorrad durch Europa tourt – Österreich, Tschechien, Niederlande, Spanien – trifft auf Google Maps mit aktiver Blitzerwarnung. In diesen Ländern ist die Funktion legal und läuft standardmäßig. Das heißt: Wer dort Google Maps zur Navigation nutzt, bekommt automatisch Blitzerwarnungen, Unfallhinweise und Meldungs-Aufforderungen aufs Display.

Wer meint, das einfach ignorieren zu können, unterschätzt, wie sehr solche Popups die Aufmerksamkeit ziehen. Das Gehirn reagiert unwillkürlich auf neue, blinkende oder piepsende Reize – genau das ist das psychologische Prinzip, auf dem alle Notifications basieren. Am Motorrad ist das lebensgefährlich.

Was tun? Konkrete Empfehlungen

  • Unfallwarnungen in den Google-Maps-Einstellungen deaktivieren – das ist möglich und macht die Navigation deutlich ruhiger
  • Sprachnavigation nutzen und das Display möglichst nicht beobachten – ein Bluetooth-Headset reicht für alle notwendigen Infos
  • Im Ausland: die Blitzerwarnung-Funktion in den Einstellungen prüfen und vor der Fahrt deaktivieren
  • Niemals während der Fahrt auf Meldungs-Popups reagieren – nicht tippen, nicht bestätigen, nicht wegwischen

Fazit: Motorradfahren mit Hirn

Google Maps ist ein nützliches Werkzeug – wenn man es richtig einsetzt. Die Blitzer- und Unfallwarnfunktion hingegen ist ein Feature, das explizit dazu gebaut wurde, Nutzer während der Fahrt zu beschäftigen. Für Motorradfahrer ist das keine nette Zusatzfunktion, sondern ein ernstes Sicherheitsrisiko. Der DVR hatte 2019 recht. Nicht weil Google böswillig ist, sondern weil das Produkt-Design Verhaltensweisen fördert, die am Steuer – und erst recht auf dem Motorrad – nichts verloren haben.

Fahrt mit Hirn. Schaut auf die Straße. Und lasst das Tippen für die Kaffeepause.

Die Linke zum Gruß,
Euer Fritze von Kradmelder24



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Quellen: DVR (dvr.de), § 23 Abs. 1c StVO, OLG Karlsruhe Az. 2 ORbs 35 Ss 9/23, ADAC, Allianz AZT-Studie 2023, auto-motor-und-sport.de

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