Roads To Siberia, Tage 80 bis 83

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Montag, 17. August 2015

Wir schaukeln durch die Nacht. Ab und zu werden wir wach, aber unterm Strich schlafen wir doch einige Stunden und wachen am Morgen relativ früh auf. Allerdings bleiben wir noch etwas liegen, bevor wir dann doch aufstehen. Draußen zieht gleichmäßig die sibirische Taiga vorbei, endlose Birken- und Tannenwälder, immer wieder mal ein paar Flüsse oder Seen, dazu die Berge. Und natürlich können wir viele Blicke auf die BAM werfen und erfreuen uns daran, dass wir unser Vorhaben geschafft haben.

Einer von uns bestellt bei den Schaffnerinnen Tee und passend dazu kommt eine der Damen aus dem Speisewagen vorbei, um Blinis und Kascha anzubieten. Wir schlagen zu und genießen dann unser Frühstück. Anschließend vertreiben wir uns die Zeit mit Plaudereien, lassen die bewältigten Strecken Revue passieren, lesen ein bisschen und hören Musik. Außerdem gucken wir immer wieder aus dem Fenster und sind fasziniert von der Taiga und der Streckenführung der Bahn. An den Haltepunkten steigen wir aus und schauen uns auf dem Bahnsteig um.

Leider ist es nicht mehr so wie oft beschrieben, dass an den Stationen Babuschkas Lebensmittel und Getränke verkaufen dürfen. Die Bahn geht dazu über, feste Kioske einzurichten für den Bedarf der Reisenden. Aber wir haben Glück, an einem Haltepunkt ist der Bahnsteig voller Babuschkas und Händler, die Obst, Gemüse, geräucherten Fisch, ja sogar Pelzmützen anbieten. Wir schlagen ordentlich zu und genießen erst einmal die süßen Backwaren, und später dann ein leckeres Abendbrot, bestehend aus Tomaten, Gurken, Brot und Räucherfisch. Dazu, wie kann es anders sein, ein lecker Bier. Heute brauchen wir jedenfalls nicht in den Speisewagen zu gehen. Irgendwann am Abend geht es dann wieder in die Kojen und wir lassen uns in den Schlaf schaukeln.

Dienstag, 18. August 2015

Nach einer etwas unruhigen, oder besser gesagt: durchschaukelten Nacht, stehen wir wieder auf und bestellen den obligaten Tee bei den Schaffnerinnen, der übrigens stilecht in den klassischen Gläsern mit Zitrone serviert wird und ausgesprochen gut schmeckt. Dazu gibt es erst einmal nur ein Snickers, weil sich die Dame aus dem Speisewagen verspätet. Aber zum Glück sind wir nicht so hungrig und können ein wenig warten. Ansonsten verläuft der Tag ähnlich wie der vorherige. Nur bei der Überquerung des Vitim kommt noch einmal Leben in die Bude, schließlich müssen wir doch die berüchtigte Brücke einmal aus anderer Perspektive sehen.

Danach hole ich das Netbook raus und schreibe am Blog, schließlich war auf der BAM doch nicht so viel Gelegenheit zum Schreiben. John versucht derweil seinen Freund zu erreichen, um die Kupplung für seine Adventure zu organisieren. Weil der aber irgendwie nicht greifbar ist, versuchen wir den BMW-Händler in Krasnojarsk zu erreichen. Wundersamerweise hat der sogar eine Kupplung für die WC-ADV vorrätig und es gibt dort sogar jemanden, der Englisch spricht. Also versuchen wir das so zu organisieren, dass ein Mitarbeiter rechtzeitig zur Ankunft des Zuges in Krasnojarsk mit der Kupplung am Bahnhof steht. Nach einigen Telefonaten scheint das auch soweit okay zu sein. Wir werden sehen.

Apropos sehen. Draußen tauchen erste richtige Berge auf und der Zug klettert in großen Kehren die Steigung hinauf. Dabei können wir einen guten Blick auf das Städtchen Tunnelny werfen und die gesamte Anlage bewundern, schließlich der Tunnel erst in den Neunzigern fertig geworden und gilt als technisches Meisterwerk. Dann verschwindet der Zug in der langen Röhre. Dabei können wir dank der Beleuchtung den Tunnel gut einsehen, der wie die Brücken bereits für zweigleisigen Verkehr vorbereitet ist. Wenn man an das Klima und die geografischen Gegebenheiten denkt, muss man echt den Hut ziehen vor den Erbauern der BAM und kann sich gut vorstellen, welchen Aufwand es braucht, um diese Strecke zu warten und für den Verkehr offen zu halten. Nicht umsonst können wir in den größeren Stationen vollständig ausgerüstete Hilfszüge, meist mit zwei Eisenbahnkränen von Takkraf und diversen Raupen und Kettenschleppern sowie Feuerlöschzüge sehen, die ebenfalls sozusagen fertig zur Abfahrt sind.

Wirklich beeindruckend ist die Infrastruktur. In der Nähe von Nowy Uojan sehen wir dann Berge von vorbereiteten Gleisstücken, die wohl sukzessive verbaut werden, und wir können diverse Baustellen beobachten, wo bereits das Gleisbett für ein zweites Gleis vorbereitet wird. Wer weiß, vielleicht ist die Strecke in wenigen Jahren komplett zweigleisig ausgebaut und man kann dann nicht mehr parallel zum Gleis fahren. Das wäre möglicherweise das Ende der BAM als Strecke für Abenteuerreisende wie uns. Aber vielleicht wird die Piste auch wieder hergerichtet, schließlich wird für den Ausbau auch eine Baustraße benötigt für die Lkw. Immerhin sind ja etliche Brücken neu gebaut worden bzw. in gutem Zustand, besonders im westlichen Abschnitt hin zum Baikalsee.

Gegen Abend erreichen wir dann den Baikal und der Zug hält für einen kurzen Stopp in Sewerobaikalsk. Nun kommt ein bisschen Wehmut auf, weil wir in der Nacht die klassische BAM verlassen und uns irgendwie vom echten Sibirien entfernen.

Egal, wir haben Hunger und wandern wieder zum Speisewagen. Mittlerweile haben sich die Gerüche in den Großraumwaggons zu einem unangenehmen Odem verdichtet und wir sind sowas von glücklich, dass wir uns ein Coupé gegönnt haben. Leider hat das Angebot im Speisewagen stark nachgelassen, es gibt nur noch den Salat und Kottlett mit Reis. Aber immerhin haben sie nach wie vor kühles Bier. Insofern passt das schon. Anschließend bauen wir unsere Betten und legen uns hin. Das Schaukeln hat etwas nachgelassen und der Zug scheint auch schneller unterwegs zu sein, also alles gut.

Mittwoch, 19. August 2015

“The same procedure as every day” könnte man sagen. In gewisser Weise läuft der Tag im gleichen Rhythmus ab wie die Vortage. Nur die Landschaft verändert sich ein wenig. Die Wälder werden lichter und es tauchen häufiger kleine Ortschaften neben der Strecke auf und es gibt deutlich mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen. Auch werden die Städte größer wie Bratsk, Krasnojarsk und Nowosibirsk. Wir nähern uns unaufhaltsam der westsibirischen Tiefebene. Apropos Krasnojarsk: heute kommt es drauf an. Wenn alles gut geht, kann John hier die Kupplung in Empfang nehmen und wir können den Beemer dann in Moskau zügig reparieren.

In Krasnojarsk angekommen marschieren Thom und John nach kurzem Telefonat mit dem BMW-Händler zum Bahnhofsausgang, um dort die Kupplung in Empfang zu nehmen. Wir haben eine gute halbe Stunde als Zeitfenster zur Verfügung. Ich halte derweil die Stellung und beobachte das bunte Treiben auf dem Bahnsteig. Fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges werde ich langsam nervös, Thom und John sind noch nicht zu sehen und eins ist ganz sicher, der Zug wird nicht warten. Doch zum Glück tauchen die beiden rechtzeitig auf, allerdings ohne Kupplung! Irgendwie hat es wohl der Bote nicht rechtzeitig zum Bahnhof geschafft. Dumm gelaufen, also muss eine neue Lösung her. Da Johns Freund immer noch nicht greifbar ist, rufe ich zu Hause an und bitte Barbara, doch in Moskau die BMW- Händler abzutelefonieren. Leider ohne Ergebnis, keiner hat eine Kupplung vorrätig und es würde zwei Wochen dauern, bis eine Kupplung aus München beim Händler in Moskau ist. Eigentlich ist die Kupplung innerhalb von 48 Stunden in Moskau, aber der Zoll braucht halt seine Zeit, auch wegen der aktuellen Sanktionen der EU. Mist!

Also bleibt nur eine Alternative: Barbara bestellt die Kupplung bei BMW-Hamburg und John fliegt von Moskau nach Hamburg, um die Kupplung abzuholen. Soweit so gut, aber das kostet zumindest zwei Tage Zeit.
So lange wir im Zug sind können wir nicht mehr tun, also genießen wir die Bahnfahrt, so gut es geht, und vertreiben uns die Zeit wie gehabt: aus dem Fenster gucken, Geschichten erzählen, Musik hören und schlafen. So endet dieser Tag dann ebenfalls mit dem Besuch des Speisewagens und dem obligatorischen Bier.

Donnerstag, 20. August 2015

Ein weiterer Tag auf der Eisenbahn. Mittlerweile sind wir auf der Hauptstrecke gelandet, die auch von der Transsib befahren wird. Der Zug fährt nun mit gut 100 km/h und die Strecke ist seit längerem zweigleisig und vielbefahren, sowohl von Personen- als auch Güterzügen. Wobei die Güterzüge nach wie vor beeindruckend lang sind und von gigantischen, dreifach gekuppelten Lokomotiven gezogen werden. In der Nacht haben wir den Hauptkamm des Ural überquert und sind damit wieder in Europa angelangt. Zum Frühstück können wir die westlichen Ausläufer des Ural bewundern, allerdings sind es eher Hügel als Berge. Dafür ist die Gegend mittlerweile landwirtschaftlich geprägt, viele Siedlungen sind zu sehen und die Bahnhöfe deutlich häufiger als vorher. Gestern haben wir noch einige große Flüsse gequert, wie den Ob und den Irtisch, heute die Wolga und einige kleinere Flüsse.

Der Tag verläuft ähnlich entspannt wie die Vortage, allerdings stehen wir öfter am Fenster und schauen uns die vorbeiziehende Landschaft an, die sich doch erheblich von der Taiga unterscheidet. Auf den Feldern sind bereits die Erntemaschinen zu Gange und etliche Flächen sind bereits abgeerntet. Immerhin ist es ja fast Ende August.

Wir haben gute Nachrichten von zu Hause, die Kupplung ist in Hamburg und kann abgeholt werden. Also kann John gleich Morgen in den Flieger steigen und die Kupplung abholen. Zum Abend geht es wieder in den Speisewagen, mittlerweile wird’s echt langweilig mit dem Klassiker Kottlett, aber das Bier schmeckt trotzdem und nach dem Essen geht’s zurück in unser Abteil, wo wir soweit schon mal alles zusammensuchen und einpacken, denn morgen früh um halb Fünf sollen wir in Moskau sein.


Und hier für die Eisenbahnfreunde einige Bilder von Zügen, Lokomotiven und Infrastruktur:

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.
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