Roads To Siberia, Tag 76

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Donnerstag, 13. August 2015 Tynda

Was für eine Nacht! Zwar haben uns die Bahnarbeiter ihre Kojen abgetreten, aber so richtig komme ich nicht in Schlaf. Drei oder viermal werde ich geweckt, um mit den Arbeitern eine zu rauchen oder einfach ein bisschen über uns zu erzählen. Aber was solls, immerhin kommen wir nach Tynda, und stecken nicht in der Pampa, genannt Tschiltschi, fest.

So gegen Sechs reicht mir das dann, wieder werde ich geweckt, aber nach der Zigarette auf dem Plattformwaggon bleibe ich einfach wach. Das ist schon ein bisschen schräg, wir sitzen während der Fahrt auf dem Waggon und lassen die sibirische Taiga an uns vorbeiziehen und beobachten, wie der Tag beginnt und sich die Sonne durch den Dunst kämpft. Thom und John sind mittlerweile auch wach und gesellen sich zu uns auf die Plattform.

Zwar muss unser Zug immer wieder anhalten und diverse Güter- und Personenzüge passieren lassen, aber so bekommen wir immerhin so einiges vom Bahnbetrieb mit. Irgendwann werden wir wieder in den Waggon gebeten und es wird uns Tee und Brot angeboten, dazu natürlich auch Wodka. Tee und Brot nehmen wir dankend an, allerdings verzichten wir auf den Wodka, schließlich brauchen wir nachher einen klaren Kopf, um den Weitertransport der Moppeds zu organisieren.

Gegen Zehn Uhr erreichen wir dann die Vororte von Tynda. Es handelt sich bei Tynda tatsächlich um eine respektable Stadt mit Industriebetrieben und einem großen Verschiebebahnhof, immerhin treffen hier die Verbindungsgleise nach Aldan, Vanino und der Transsib zusammen. Auch das Bahnhofsgebäude ist entsprechend groß und ziemlich repräsentativ. Leider führt unsere Fahrt am Bahnhof vorbei auf ein Abstellgleis, aber dank der gemeinsamen Manpower der Bahnarbeiter klappt das Ausladen problemlos, und so werden unsere Kräder dann auf einem Weg neben den Gleisen abgestellt.

Wir nehmen Abschied von den Bahnarbeitern und bedanken uns bei ihnen, dann noch schnell ein paar Fotos und schon rollt ihr Zug weiter. Nun stehen wir inmitten des Bahnhofsgeländes und sehen zu, dass wir zumindest von den Schienen wegkommen. Wir suchen uns ein Plätzchen, wo wir nicht im Weg stehen und überlegen, was jetzt zu tun ist.

Letztlich scheint es am besten zu sein, gleich in Richtung Bahnhof zu marschieren und zu eruieren, welche Optionen wir haben. Der Bahnhof ist von innen genauso imposant wie außen, es herrscht ein reger Betrieb, lange Schlangen vor den Fahrkartenschaltern und alle kleinen Läden und die Cafés sind geöffnet. Wir gehen erst einmal zur Information. Trotz der Sprachschwierigkeiten bekommen wir einige Informationen, aber leider ist der entsprechende Schalter geschlossen. Wir warten ein bisschen, aber dann ist es Zwölf, und laut Aushang ist der Schalter bis Eins geschlossen. Also holen wir etwas zu Essen und Trinken und gehen zurück zu den Moppeds und zu John, der bei den Maschinen geblieben ist. Wir beschließen dann, dass ich nachher in die Stadt fahre und ein Hotel suche, während Thom nachher weiter nach Transportmöglichkeiten sucht. John will weiter bei den Maschinen bleiben, weil er sowieso kein russisch spricht oder versteht.

Ich habe zwar ein paar Wegpunkte für Hotels im Navi, aber es stellt sich heraus, das eines eine Bruchbude ist, das zweite eine Baustelle und das dritte, oder besser: der Wegpunkt ins Nichts führt. Auf dem Rückweg sehe ich dann ein Reklameschild für ein Hotel und ich versuche, es ausfindig zu machen. Leider gelingt das mir nicht, aber ich habe Glück, ein Pärchen spricht mich wegen der XChallenge an und nach ein paar Sätzen über das Woher und Wohin bieten sie mir ihre Hilfe an. Glücklicherweise spricht die Frau sehr gut Englisch und so finden wir dann ein gutes Hotel, kurz mit der Rezeptionistin alles abgesprochen, die Zimmer oder besser das Appartement angesehen und dann zurück zum Bahnhof, wo sich John das bequem gemacht hat und mit seinem Reader in der Hand neben den Maschinen sitzt. Ich berichte ihm vom Hotel und er ist einverstanden. Thom ist noch unterwegs in Sachen Transport, also setzte ich mich erst einmal zu John und warte ein bisschen.

Dann taucht Thom auf. Er strahlt über das ganze Gesicht. Zwar war der Besuch des ersten Schalters erfolglos, aber die Dame hat ihm dann eine Telefonnummer geben wollen von einer zur Bahn gehörenden Spedition, nachdem er dann etwas energisch geworden ist hat sie dann dort angerufen und ja, sie würden auch Motorräder transportieren! Also hin zur Spedition und dank der Hilfsbereitschaft vom Mitarbeiter der Spedition, Maxim, können wir sogar noch heute die Motorräder verladen. Bingo, wir sind wirklich Glückspilze. Die Moppeds gehen mit dem Zug am nächsten Tag nach Moskau, während wir dann zwei Tage später ebenfalls mit dem Zug nach Moskau fahren werden.

Ich fahre dann schnell zurück zum Hotel und mache das Zimmer klar, lasse meine Klamottentasche schon mal im Zimmer und dann geht’s zurück zum Bahnhof. Eigentlich sollen wir erst gegen 20 Uhr verladen, aber Thom geht noch einmal zur Spedition, und nach ein wenig Bitte Bitte sollen wir dann gegen Vier an der Rampe sein. Wir bringen dann schon mal die Moppeds in Position, und dann müssen wir noch den Beemer dort hinschieben, es geht direkt über den Bahnsteig, was die Leute doch ein bisschen irritiert gucken lässt, weil eigentlich fährt man doch?

Kaum haben wir die Bikes abgestellt, beginnt es wie aus Eimern zu schütten. Wir stellen uns unter und versuchen, die restlichen zwei Stunden totzuschlagen. Zum Glück gibt es einen Durchgang beim Bahnhof, von dem aus wir die Waggons und unsere Moppeds sehen können und trotzdem einigermaßen trocken bleiben können. Innerhalb kurzer Zeit steht das Wasser 5 cm hoch auf dem Bahnhofsvorplatz und auch sonst gibt es überall tiefe Pfützen. Wieder haben wir Glück, finden wir, der Regen hätte uns sonst nämlich unterwegs auf der BAM erwischt und es wäre sicher kein Spaß gewesen, die restlichen Kilometer bis nach Tynda durch den Schlamm der BAM zu fahren.

Nach 2 Stunden Warten hat Thom genug und geht zu den Waggons, wir haben nämlich gesehen dass dort wieder Waren eingeladen werden. Kurz darauf kommt er zurück und wir können unsere Moppeds verladen. Allerdings wird das nicht so ganz einfach, wir müssen sie zuerst in einen kleinen Lkw laden, der fährt dann an den Waggon ran und dann vom Lkw noch einmal einen Meter hochheben um sie dann in den Waggon zu wuchten. Wider Erwarten klappt das mit unseren leichten Moppeds ganz gut und so hoffen wir, dass es auch mit der dicken BMW einigermaßen funktioniert. Und in der Tat, es geht besser als erwartet und nach einem ordentlichen Kraftakt stehen alle drei Maschinen angelascht im Waggon. Ich habe dann auch gleich Stiefel und den Fahreranzug auf der XChallenge verstaut, dann brauche ich das nicht im Zug nach Moskau mitzunehmen.

Danach geht’s zu unserem Spediteur, der mit uns zuerst zu einem Geldautomat fährt, damit wir die Frachtrate bezahlen können, und uns danach am Hotel absetzt. Wir verabreden uns dann mit ihm zum Abendessen im zum Hotel gehörenden Restaurant. Dann geht’s unter die heiße Dusche und in bequeme Freizeitklamotten. So gegen 19:00 Uhr sitzen wir dann im Restaurant und lassen uns in Sachen Menü überraschen. Es wird reichlich aufgefahren wie es eben in Russland üblich ist, dazu etliche Bier und Kognak bzw. danach Wodka.

Die Unterhaltung verläuft in Englisch, zwar etwas stockend aber wir verstehen uns prächtig und genießen den kurzweiligen Abend mit unseren neuen russischen Freunden. So gegen Elf wird es dann Zeit sich zu verabschieden, und während unsere Gäste nach Hause fahren, genießen wir unser komfortables Hotelbett.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.
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