Roads To Siberia, Tag 69

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Donnerstag, 6. August 2015 Kuanda – Nowaja Tschara (ca. 150 km)

Heute wollen wir bis Nowaja Tschara kommen, außerdem gilt es, das Denkmal für den goldenen Schienennagel zu fotografieren. Doch erst einmal wird gefrühstückt, dabei grüßen uns die Lokführer mit lautem Hornsignal und winken uns zu, schließlich sitzen wir ja direkt neben der Trasse. Dann schnell das Biwak abgebaut und los geht’s.

Wir nähern uns jetzt auch den ersten kritischen Wegpunkten, sprich eingefallene Brücken, zu querende Eisenbahnbrücken und so weiter. Als wir unterwegs sind, merken wir schnell, dass heute der Tag der Brücken wird. Eine mehr oder weniger gut zu befahrende Brücke reiht sich an die nächste, immer wieder müssen wir anhalten, um den besten Weg über die Brücken zu erkunden. Auch wenn sie nicht wirklich vertrauen erweckend sind ist doch erkennbar, dass sie regelmäßig überquert werden.

Als wir das Denkmal erreichen, müssen wir feststellen, dass eine in der Nähe liegende Brücke kürzlich durch einen Waldbrand zerstört wurde. Eine Furt ist nicht zu finden, und die einzige Lösung zur Überquerung der Schienen ist nicht ganz einfach zu lösen, weil der Radstand der Moppeds in etwa der Spurweite der Bahn entspricht. Doch John findet eine Lösung: ein herumliegender Kasten passt genau zwischen die Gleise und ein großer Stein wird als Rampe genommen. Wir warten noch den nächsten Zug ab und dann geht’s zügig auf die andere Seite, wo neben den Schienen eine Fahrspur verläuft. Wir folgen ihr bis zur nächsten Möglichkeit wieder auf die BAM zu kommen.

Glücklicherweise müssen wir heute nicht wirklich viele Pfützen oder schlammige Abschnitte bewältigen, aber eine Stelle hats doch in sich, wie man hier sehen kann.

Die befürchtete große Furt ist glücklicherweise trocken, aber recht steinig und anspruchsvoll. Kaum vorstellbar, welche Wassermassen sich hier den Weg bahnen, wenn es wiklich mal richtig geregnet hat.

Trotzdem kommen wir gut voran. In dem kleinen Örtchen Hani machen wir Pause und genießen kühle Getränke und Brot mit Salami und Käse. Während wir nach dem Essen noch eine rauchen, taucht ein einheimischer Bursche mit einer 650er Enduro auf. Er beginnt ein Gespräch mit uns über das Woher und Wohin, und erklärt uns gestenreich, dass die nächsten Brücken der BAM zu gefährlich zum Befahren seien und wir die Eisenbahnbrücken benutzen sollen. Wir wissen ja mittlerweile, dass die Russen schmerzfrei sind, aber wenn sie sagen, etwas sei zu gefährlich, dann soll man besser auf sie hören!

Er bietet an, uns sowohl zu den Eisenbahnbrücken zu bringen, als auch wegen der Züge nachzufragen. Bei der ersten Brücke angekommen, sind wir dann doch etwas unsicher, schließlich haben wir vorher noch keine Bahnbrücke benutzt. Aber nach genauerem Hingucken sieht das ganz gut aus. Einziges Problem ist, wir haben für die drei Brücken nur 20 Minuten Zeit, bevor der nächste Zug kommt. Schon ein doofes Gefühl, diesen Druck im Nacken zu haben. Aber egal, wir wollen nach Tschara. Also rauf auf die Motorräder, Arschbacken zusammenkneifen und rauf auf die Brücke. Der Schotter ist ähnlich wie diese ätzenden Rollsteine, doch wir können die Schwellen mitnutzen und so geht das ganz gut, Thom voraus, dann John und zum Schluss ich. Beim Überqueren der Brücken kommt ganz schön viel Adrenalin in den Kreislauf, und wir halten immer ein Auge auf die Rückspiegel, nicht dass wir unverhofft Zug bekommen.

Nachdem wir auch die dritte Brücke überquert haben, wird erst einmal angehalten, tief durchgeatmet und eine Zigarette angesteckt. Kaum ist diese aufgeraucht donnert auch schon der nächste Zug heran. Wir sind quasi just in time über die Brücken.

Zurück auf der BAM geht es weiter nach Nowaja Tschara. Uns steht im Prinzip nur noch ein Hindernis bevor, nämlich der Fluss Tschara, dessen Brücke letztes Jahr abgebrannt ist, und bisher gab es nur Gerüchte, dass eine neue Brücke gebaut werden soll.

Wir haben Glück, es ist eine neue Brücke gebaut worden, und wir können diese neue Brücke tiefen entspannt überqueren und sind danach auch schon in dem gar nicht so kleinen Ort. Wir finden gegenüber dem Bahnhof ein nett eingerichtetes Hotel, dessen einziger Wermutstropfen die Tatsache ist, dass wir die Gemeinschaftsdusche nutzen müssen, weil die Dusche in den Zimmern zurzeit nur kaltes Wasser hat.

Nach dem Duschen geht es zum Essen. Wir müssen diesmal 20 Minuten laufen, bis wir an einem unscheinbaren Haus ankommen, in dem wir niemals ein Restaurant bzw. Café vermutet hätten. Es gibt eine umfangreiche Speisekarte, was wir auch schamlos ausnutzen. Leider kriegt die Küche das nicht hin, das Essen in der richtigen Reihenfolge zu servieren, geschweige denn uns gleichzeitig mit Essen zu versorgen. Trotzdem, das Essen ist gut und alles frisch zubereitet. Ein paart Tische weiter feiern ein paar Russen, mit den wir kurz ins Gespräch kommen. Daneben geben sich noch ein paar Russinnen die Kante. Irgendwann kommen die Mädels oder besser gesagt älteren Damen auf den Trichter tanzen zu wollen, dementsprechend wird die Musik aufgedreht. Und in der Tat, tanzen können sie. Eine kommt dann auf mich zu und fordert mich zum Tanz, was ich nicht ablehnen mag, allerdings unterscheiden sich die europäischen Schritte dann doch von den hier üblichen, aber irgendwie klappt das schon.

Nach dem Tanz setze ich mich wieder, während John und Thom ablästern, aber das ist bloß der pure Neid! Dann wird’s Zeit für den Rückweg ins Hotel, es war doch ein anstrengender Tag und morgen wird’s bestimmt nicht besser.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.