Roads To Siberia, Tag 68

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Mittwoch, 5. August 2015 Vitim-Brücke – Kuanda-Fluss

Nach einer etwas unruhigen Nacht, wegen der vorbeidonnernden Güterzüge, sind wir zeitig hoch und machen uns über das Frühstück her: Brot, Käse, Wurst und eine Art Nutella, dazu unseren Mac-Kaffee. Dann wird das Lager abgebaut, und wir fahren weiter Richtung Kuanda. Aber vorher wird noch einmal die Brücke abgeschritten.

Die BAM hält diesen Morgen ausnahmsweise keine Überraschungen für uns bereit, und schon gegen halb zehn morgens sind wir in Kuanda. Wir suchen zunächst ein Magazin auf, um Vorräte einzukaufen und nach einem Kamaz oder Ural zu fragen, der uns über den Fluss Kuanda bringen kann. Leider bekommen wir mangels Sprachschwierigkeiten keine konkreten Auskünfte, aber wir werden an einen Johannes bzw. Wanja verwiesen, der ebenfalls ein Magazin betreibt und Deutsch kann.

Besagter Wanja taucht dann auch mit einem Sprinter auf und entpuppt sich als waschechter Deutscher, der hier immer für ein paar Monate mit seiner russischen Frau lebt und mit ihr zusammen Stück für Stück ein Geschäft aufbaut. Sichtlich erfreut nehmen wir seine Einladung auf einen Kaffee und ein zweites Frühstück an. Wir folgen ihm zu seinem Laden und können dort auf der Veranda Platz nehmen und werden erst einmal mit Kaffee und Keksen versorgt, während er ein paar Telefonate wegen des Lkw führt. Anschließend plaudern wir erst einmal über Gott und die Welt und unsere Reise, von der er sichtlich angetan ist. Dazu natürlich die Freude, mit Leuten aus Deutschland zu sprechen.

Dann taucht der Besitzer des Ural auf und erklärt, dass er nicht vor Abend den Kuanda furten kann, weil das Wasser noch zu hoch ist. Er rechnet damit, dass es bis zum Abend um gut 20 cm fällt und er dann relativ sicher mit uns über den Fluss kommt. Also ist Warten angesagt.

Die Zeit vergeht teilweise etwas schleppend, weil die örtlichen Alkis uns in Augenschein nehmen wollen, wohl in der Hoffnung was zu Trinken abzustauben. Aber Fehlanzeige, auch ohne Wodka haben sie Muße, uns und Wanja auf die Nerven zu gehen. Wobei er noch das Problem hat, dass sie nicht unerheblich zu seinem Umsatz beitragen. So sitzen wir halt und fügen uns in unser Schicksal, wobei es durchaus Schlimmeres geben könnte. Es gibt kalte Getränke und immer wieder mal einen kleinen Snack, und der Smalltalk mit Wanja macht auch Spaß.

Gegen halb Vier ist es dann so weit, der Lkw steht am Fluss bereit und wir machen uns, von Wanja und seinem Jungen begleitet, auf dem Weg zur Furt und Verladestelle. Der Ural entpuppt sich als großer Muldenkipper und für 6.000 Rubel will er uns alle auf einmal übersetzen. Erstmal schrecken wir wegen der Verladung zurück, aber der Trucker hat ein paar Bohlen dabei, so dass wir alle Kräder gut verladen bekommen. Wir verabschieden uns von Wanja und sagen noch einmal vielen Dank für die Hilfe und seine Gastfreundschaft.

Dann beginnt die Überfahrt. Der Ural pflügt durch das Wasser, das schnell bis an die Unterkante der Ladefläche reicht, wobei der Fahrer bestimmt schon nasse Füße hat. Es ist ein wenig holprig aber sonst ist Alles gut. In der Mitte des Flusses geht es über eine Sandbank, dann noch einmal tieferes Wasser und dann eine steile Böschung hoch. Schon cool, was mit so einem Truck möglich ist. Ich glaube nicht, dass so etwas ein deutscher Trucker mit seinem MAN, Mercedes oder sonst was versuchen würde… und ich definitiv auch nicht, obwohl ich vor 30 Jahren selber mit einem Dreiachser im Tiefbau unterwegs war.  Abgeladen wird drüben dann wieder mit den Planken, wobei der Ural in einer Mulde steht, es sieht so aus als wenn er das schon öfter gemacht hat.

Dann verabschieden wir uns vom Fahrer und wir ziehen noch zwei Stunden weiter, bis es Zeit wird, ein Lager aufzuschlagen. Wir versuchen ein paar Plätze, aber überall sind die sibirischen Mücken derart präsent, dass wir weiterfahren. Schließlich entscheiden wir uns für ein Plätzchen neben der Straße und Bahnstrecke, wo die Mücken etwas weniger aufdringlich sind. Schnell haben wir das Camp aufgeschlagen und die Kocher an geschmissen. Wie immer gibt es unser Spezialmenü, entweder Nudeln mit Dosenfleisch oder Dosenfleisch mit Nudeln.

Diesmal haben wir in der Nacht richtig Spaß, schließlich donnern die Züge grad mal 20 m vom Camp entfernt über die BAM, andererseits brauchen wir uns dafür weniger Gedanken um Bären zu machen. Zwar hat man uns einige wilde Geschichten erzählt, aber wir glauben lieber dem Jäger in Kuanda, dass die Bären derzeit mit den reifen Beeren mehr als zufrieden sind. Außerdem mögen sie keinen Lärm und kein Feuer. Und laut ist es diese Nacht wirklich, aber trotzdem schlafen wir ein paar Stunden.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.