Roads To Siberia, Tag 23

Start > Meldungen > Reiseberichte > Roads To Siberia, Tag 23

Sonntag, 21. Juni 2015

Heute war der Tag der Viertausender und des Einstiegs in das Bartang Tal. Doch zunächst gab es ein wirklich leckeres Frühstück in der Lodge, bevor wir die Moppeds bestiegen. Unser Gastgeber hat sich dann noch riesig über unseren Aufkleber an seiner Pinnwand gefreut.

Erst sollte der Ak-Baital-Pass mit 4688 Höhenmetern bezwungen werden, dazu ein paar kleinere Viertausender, die wir einfach auf der Fahrt über den Pamir-Highway mitnahmen. Von Murgab aus ging es nach dem Tanken entspannt auf die Strecke, die überwiegend asphaltiert war, auch wenn der Zustand der Bedeutung eines Highway widersprach. Wie bereits gestern ging es immer wieder nach kurzen An- und Abstiegen durch beeindruckende Gebirgslandschaften von Hochtälern, die jedes für sich in unterschiedlichen Farben erstrahlten, immer wieder wurde der Blick auf die hohen schneebedeckten Gipfel gelenkt, einfach ein prachtvolles Bild, oder besser viele prachtvolle Bilder, die man so nicht wirklich alle aufnehmen kann.

Dann begann der Aufstieg zum König der Pamir-Pässe. Langsam und stetig ging es hinauf, nicht wie in den Alpen über zig Serpentinen, sondern meist geradeaus und einigen langgezogenen Kurven. So langsam war spürbar, dass auch Einspritzermotoren ab einer gewissen Höhe Leistung verlieren, von meinen 53 PS waren vielleicht noch 30 Pferdchen übrig, aber immer noch genug, um mich den Pass hinaufzutragen. Es wurde langsam ziemlich frisch, und es mussten die Überzieher-Handschuhe her. Die Landschaft wurde noch karger, soweit das überhaupt geht.

Und dann, endlich kam das von mir langersehnte Schild vom Pass, eins der Reiseziele, nämlich hier unseren Aufkleber zu hinterlassen, konnte ich erfüllen! Zwar steht das Schild noch gut 600 m unterhalb der Passhöhe, doch das tut der Sache keinen Abbruch.

Noch schnell ein Foto und weiter geht’s nach oben. Die Auffahrt war dann doch spektakulär, kein Asphalt mehr und eine ziemlich ausgefahrene Piste, nun wirklich steil bergauf führend und mit ein paar engen Serpentinen. Wenn man bedenkt, dass hier auch Lkw drüber müssen, mein Gott, was sind das für harte Kutscher! Oben auf der Passhöhe trafen wir zwei ukrainische Kradfahrer, die sichtlich erfreut waren, uns zu sehen. Wie einer berichtetet, musste er seine alte Transalp die letzten Meter schieben, weil der Motor null Leistung hatte trotz Gebirgsbedüsung. Noch ein kurzes Shakehands, und sie wollten weiter, ich half dann noch beim Anschieben, während Thom das ganze fotografierte. Die zweite Maschine von den Ukrainern sprang mit eigener Kraft an, allerdings schwarz rußend wie ein Lkw.

Danach zelebrierten wir unsere Passbezwingung mit einem „give me five“ und einem Siegerfoto. Immerhin befinden wir uns jetzt etwa auf der Höhe des Mont-Blank-Gipfels! Es war schweinekalt und verdammt windig auf dem Pass, aber es ist wie es ist, und es war ein schönes Gefühl, eins der Highlights erlebt zu haben. Und es wird nicht das Einzige bleiben, das ist gewiss!

Dann zogen wir weiter, dem nächsten Highlight entgegen, dem Einstieg ins Bartang-Tal. Die Straße war zunächst weiter Piste, doch irgendwann ging es wieder in schlechten Asphalt über. Plötzlich tauchte an der rechten Seite ein Zaun auf, zuerst fragte ich mich, was das hier oben von Nutzen sein soll, dann fiel mir ein, wir sind direkt an der chinesischen Grenze und dieser Zaun markiert den Grenzstreifen. Allerdings wohl eher theoretischer Natur, weil hier bestimmt keiner Interesse hat, mal eben nach China rüberzumachen, weil hinterm Grenzzaun ist nichts weiter als Gebirge. Aber schon eigenartig das Gefühl, quasi so dicht an China unterwegs zu sein.

Dann sollte die Abzweigung ins Bartang-Tal kommen, leider gab es keine beschilderte Kreuzung und so irrten wir ein wenig umher, bis wir den richtigen Punkt, oder besser die kaum auszumachende Fahrzeugspur ausmachten, der wir dann folgten. Nach kurzer Zeit wurde es dann zu einem gut zu folgendem Track, und so gings dann am linken Ufer des Isyk Köl entlang.

Wobei wir erkennen konnten, dass die seltsamen Inseln im See in Wirklichkeit Reste der winterlichen Eisdecke waren. Weit und breit nichts zu sehen von menschlichen Ansiedlungen, doch weit gefehlt, nachher machten wir etliche Wohnstätten von Viehhirten aus, die die Tiere im Sommer hier oben betreuen. Wir folgten brav dem Navi und dem Track, der uns zum ersten Hindernis führte, eine Art Marschland, in dem die Abflüsse vom See mäanderten, und es wurde ziemlich schmierig und rutschig. Thom schlingerte gerade so eben noch durch eine besonders matschige Passage, und ich wählte die andere Spur in der Hoffnung, es ginge besser. Das war jedoch ein fataler Entschluss, den das Hinterrad verlor die Traktion und rutschte weg, ich wollte das Ganze dann mit dem linken Fuß stabilisieren, doch zu spät, das dicke Kind lag auf der Seite und mein Fuß wurde arg überdehnt, und zu allem Unglück lag ich dann auch noch unterm Moped. Thom kam sofort zu Hilfe, und gemeinsam richteten wir das Moped wieder auf. Noch voller Adrenalin merkte ich doch, dass ich mir den Fuß ziemlich schmerzhaft überdehnt habe, aber dank der wirklich guten Cross-Stiefel war es nichts Ernsthaftes, ich konnte auftreten und den Fuß bewegen. Also Zähne zusammenbeißen, und weiter ging’s. Nach ein paar hundert Metern kamen wir an eine größere Furt, die völlig verschlammt war.

Ein kurzer Kriegsrat und wir entschieden, uns einen anderen Weg zu suchen. Also Moppeds drehen und entsprechend vorsichtig zurück. Wir fanden dann einen anderen Track, der um das Marschgebiet herum führte. Bingo. Weiter ging es und dann trafen wir auf eine Herde Yaks, die von Hirten begleitet wurden. Schon spannend hier auf diese Tiere zu treffen, die man eigentlich eher mit dem Himalaya verbindet. Andererseits, so weit weg vom Himalaya sind wir auch nicht mehr. Wir folgten weiter der Piste, ein paar mal mussten wir unserem Gefühl folgen, weil sich die Spur in den Geröllfeldern verlor, aber wir fanden immer den richtigen Weg. So ging es weiter, mal eher sandiger Boden, mal eher steinig, aber wir kamen immer recht gut voran durch eine spektakuläre Hochebene. Ab und zu sahen wir ein paar Hütten der Hirten und immer wieder Rinder, Yaks, Schafe und Ziegenherden.

Dann kam uns ein Motorrad entgegen, es war Jussi, der wilde Finne aus der Pamir-Lodge, den wir so früh nicht erwartet hätten. Ein Hirte kam noch dazu, er wollte uns auf einen Chai einladen, aber es war noch zu früh für eine Pause. Also lehnten wir dankend ab. Mit Jussi teilten wir Details über die Strecke aus, demnach lag vor uns noch ein ziemlich anspruchsvoller Pass, wobei der Aufstieg aus unserer Richtung nicht ganz so steil sein sollte wie die Abfahrt danach. Ansonsten sei alles fahrbar, nur ein paar Furten und ein Stück, wo ein Erdrutsch die Piste verschüttet hat und man über die Mure fahren muss.

Naja, später haben wir diese Stelle nicht gefunden, weil es einfach zu viele solcher Stellen gab. Dann kamen so viele spektakuläre Streckenstücke, dass man sie gar nicht alle beschreiben kann, man muss es selber erfahren haben im wahrsten Sinne des Wortes! Und dann kam der Pass, ein wirklich spektakuläres Stück Trasse, steil, enge Serpentinen, in denen Bäche zu queren waren, steile Anstiege, wie ich sie noch nie erlebt habe, und es zog sich hin, die Fahrbahn oft nur zwei Meter breit, zur Hangseite abgeschrägt und dazu ein spektakulärer Blick über den Pamir und ins nachher ziemlich weit unten liegende Tal. Einfach atemberaubend, allerdings blieb nicht viel Zeit fürs Gucken, der Weg musste im Auge behalten werden. Gut, dass wir relativ leichte und geländegängige Enduros haben, die sich oft nur im ersten Gang den Berg hinaufkämpften. Dann ging es hinab, der Abstieg schien endlos und ich hatte das Vergnügen, das Mopped noch einmal kontrolliert in einer Serpentine abzulegen, konnte aber diesmal mit eigener Kraft Mensch und Maschine aufrichten. Beschreiben lässt sich der Abstieg nicht wirklich mit Worten, auch steil ist hier relativ, ja, im Vergleich zum Abstieg war der Aufstieg weniger steil, gefühlt war der Aufstieg so um die 35-40° und der Abstieg um die 45°, wie gesagt, rein nach Gefühl. Auf jeden Fall bin ich vorher noch nie solche Steigungen gefahren!

Dann ging es weiter, wieder die mittlerweile gewohnten Geröllfelder, mit teilweise fast einem halben Meter tiefen Querrillen, durch die wir mussten, dazu teilweise einfach nur Steine, die als Untergrund der Piste dienten, die aber in sich sehr lose waren, dann wieder fast angenehm befahrbare Teilstücke, die eng an den Felsen gedrängt am Fluss entlang führten. Es ist schwer, das Ganze in Worte zu fassen, so überwältigend sind die Eindrücke, ob nun von der Landschaft oder vom fahrerischen Anspruch.

Ich weiß nicht genau, wie ich diesen Streckenabschnitt beschreiben soll, aber alles, was ich bisher in den Alpen gefahren bin, ist dagegen Kindergeburtstag! Oder anders gesagt, das ist die härteste, anstrengendste, technisch anspruchsvollste, verfluchteste, exponierteste und gefährlichste Strecke und gleichzeitig aufregendste und schönste Hochgebirgsstrecke, die ich jemals gefahren bin! Einfach geil, die ersten 100 km im Bartang-Tal.

Immer wieder dazwischen ein paar schlammige Passagen, eigentlich harmlos im Vergleich zum Anfang, aber einmal doch eine fiese Falle, Thom verfehlte die sichere Spur und steckte prompt im Schlamm fest. Da ich als zweiter fuhr, konnte ich auf festem Untergrund bleiben und stellte das Mopped ab. Dann erst einmal überlegen, wie wir die Maschine am besten frei bekommen und dann, wie es wieder auf sicheren Boden geht. Es war ein anständiges Stück Arbeit, die KTM freizubekommen, aber zwei starke Männer schaffen das. Dann fanden wir auch den richtigen Weg und weiter ging es das Bartang-Tal hinunter. Beim Umdrehen musste ich mich dann auch noch mal auf die Seite legen, tolle Wurst.

Unser Ziel war eigentlich ein Guesthouse etwa auf der Hälfte der Strecke, aber durch das anspruchsvolle Gelände war es unwahrscheinlich, dies vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Dann schlug der gute alte Murphy zu, ich hatte mitten in der Pampa einen Platten am Hinterrad. Ich hätte Scheiße schreien können, irgendwie hat es dieser Tag echt in sich, erst ein paar Stürze, dann Thom im Schlamm stecken gebliebenes Mopped und jetzt der Platten!

Doch die Stelle war gut ausgesucht, wie wir kurz danach feststellten. Grundsätzlich wussten wir, was zu tun war, allerdings gestaltete es sich schwierig, das Mopped so aufzubocken, dass das Hinterrad frei drehte. Wie gesagt, ich hatte die richtige Stelle ausgesucht, nicht weit von uns entfernt waren grade ein paar Hirten dabei, an ihren Jeep einen Reifen zu wechseln. Sie kamen dann zu uns und boten Hilfe an, was wir dankbar annahmen. Zum Glück hatten wir vorgesorgt und statt den Reifen zu flicken kam der Ersatzschlauch zum Einsatz. Mit gemeinsamen Kräften wurde das Rad eingebaut und es konnte weitergehen. Noch ganz herzlich bei den Tadschiken bedankt und ein paar Zigaretten verteilt und los gings. Allerdings war damit unser Plan gescheitert, das Tagesziel zu erreichen, aber das gehört zum Abenteuer dazu.

Eine knappe halbe Stunde vor Sonnenuntergang erreichten wir die erste Ortschaft im Tal. Wir müssen wohl ziemlich abgekämpft ausgesehen haben, denn eine Einheimische kam direkt auf uns zu und lud uns in ihr Haus ein. Eine kurze Beratung machte uns klar, dass in gut 20 Minuten Sonnenuntergang ist und Weiterfahren nicht zu Diskussion stand.

Also Angebot annehmen oder zelten. Wir nahmen das Angebot an, wobei Thom das Zelt vorzog. Ich war dann doch lieber fürs Haus, weil ich befürchtete, am nächsten Morgen wegen meines Fußes nicht mehr aus dem Zelt zu kommen, geschweigedenn es abbauen zu können. Es gab lecker Nudeln und den gewohnten Chai von den Gastgebern, dazu eine etwas schleppende Unterhaltung auf englisch mit der Tochter des Hauses. So gegen Neun wurde dann das Bett bereitet, ganz nach Pamiri-Art mit vielen Decken als Unterlage und einer dicken Decke drüber. Die Nacht war soweit okay, auch wenn der Fuß bei jedem Umdrehen weh tat. Da Thom nicht ins Haus kam, brachten die Gastgeber noch Tee und Nudeln zu ihm ans Zelt, was ihn freudig überraschte, obwohl sie ihm aus dem Schlaf rissen.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.