Roads To Siberia, Tag 12

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Mittwoch, 10. Juni 2015

Der Morgen kam früh, kein Wunder, wir lagen ja im Zelt und bekamen den Sonnenaufgang entsprechend deutlich mit. Eigentlich wollte ich nicht aufstehen, aber die Natur forderte unerbittlich ihr Recht! Also rauspellen aus dem Schlafsack, Zelt öffnen und vorsichtig die Crocs schütteln, nicht dass sich da was Fieses drin versteckt. Aber alles gut und in sicherer Entfernung vom Camp habe ich dann den ersten Spatengang in der Steppe erledigt. Dann erst einmal eine Zigarette und den Morgen genießen, es war angenehm kühl und die Wolken waren auch noch da, zu Hause hätte ich sicher sein können, dass ein fettes Unwetter heraufzieht, hier passierte gar nichts. Dann gabs Frühstück, für jeden zwei Kitkat-Riegel und Wasser, hinterher eine Marlboro, wie bei echten Cowboys üblich.

Innerhalb einer halben Stunde war das Camp abgebrochen, und wir waren wieder on the Road, Es war kurz vor Acht und wir fuhren zurück zur Straße. Nach wenigen Kilometern lernten wir, was der Trucker mit Scheißstraße meinte. Es war eine total ausgefahrene ehemals asphaltierte Piste, garniert mit Schlaglöchern, Sandlöchern, großen, herausgebrochenen Stücken Asphalts, dazu Lkw, die in Schrittgeschwindigkeit fuhren und versuchten so wenig Schlaglöcher wie möglich zu treffen. Dazu Pkw, etwas schneller, aber mit den gleichen Problemen. Und dann wir coolen Biker, die wieder am Tanzen waren, nicht nur Tango, sondern das volle Programm, eine echte Samba beschreibt mit ihren Schrittfolgen unseren Tanz über die Piste am Besten. Es waren Löcher in der Straße, wo echt ein Smart reingepasst hätte, ab und an sogar Michis Galaxy.

Wir brauchten für diese Strecke ungefähr zwei Stunden. Dann kam die Grenze. Wie immer ganz nach vorne in der Schlange und dann Buisiness as usual. Laufzettel hier, Stempel da, welche Farbe hat das Mopped, und immer wieder nachfragen, so oft kommen anscheinend keine Moppedfahrer vorbei. Dann rüber nach Usbekistan. Wieder das volle Programm, aber soweit nette Grenzer, einer sah echt cool aus mit seinem Tarnfleckanzug, dem Buschhut und der Kalaschnikow umgehängt. Er ließ uns durch, und am Checkpoint nahmen uns seine Kumpels mit großem Hallo in Empfang. Einer nahm uns gleich an die Hand und brachte uns zum Schalter 4. Wieder Papier und dann standen wir inmitten vieler Reisender und warteten auf die Passkontrolle. So langsam wurde es unangenehm warm in den Klamotten.

Dann endlich: Passkontrolle. Zum Glück halbwegs zügig und dann zurück zu den Bikes. Da Thom zuerst fertig war, hatte er diesmal das Vergnügen sein Gepäck zu öffnen, Himmel war der Grenzer neugierig, sogar das Pad musste angeschmissen werden und der Grenzer durchsuchte die Verzeichnisse. Nach der zweiten Packtasche kam ich dran. Ganz langsam öffnete ich die Packtasche und zeigte ihm den Inhalt. Er war über das Erste-Hilfe-Pack und die Rettungsdecke erstaunt. Dann durfte ich alles wieder zumachen, und er machte Anstalten, sich meinen anderen Tasche zuzuwenden. Zum Glück kam sein Vorgesetzter und machte dem Treiben ein Ende und wir sollten weiter fahren. Noch ein letzter Stopp am Tor, Laufzettel abgeben und wir waren in Usbekistan. Sofort stürzten sich wieder maskierte und laut Money-Money rufende Frauen auf uns und so wechselten wir jeder 50 $ in 120.000 Sum, besser als der offizielle Kurs, aber noch zu toppen, wie wir später erfuhren.

Back on the Road again. Die erhoffte bessere Straße blieb aus, allerdings war sie oberflächlich betrachtet eine geteerte Straße, bei genauer Betrachtung war es eher eine undefinierbare Oberfläche, die wie Asphalt aussah. Also wieder Straßentanz. Leider ließ sich nicht jede Unebenheit oder jedes Schlagloch austanzen, so mussten die Moppeds teilweise ganz schöne Schläge einstecken. Aber was solls, den anderen Verkehrsteilnehmern erging es viel schlechter. Er war echt hart, dieser Tag, brütend heiß, staubig, Scheißstraße, und überhaupt, diese Endlosigkeit und so gut wie keine Ablenkung für die Augen.

Am Nachmittag gabs dann eine Pause in einem Café, so ziemlich das abgewrackteste bisher! Unfreundliche Bedienung und schmutzig, aber das Essen und vor allem die kalten Getränke waren okay. Danach tanken wie zu Großvaters Zeiten und wieder weiter. Kurz vorm ehemaligen Ufer des Aralsee geschah das Wunder, von jetzt auf gleich wurde diese Piste zu einer frisch asphaltierten Straße! Plötzlich ging es ganz easy und wir rollten entspannt dahin.

Wirklich bedrückend war jedoch die ehemalig Küstenlinie vom Aralsee, übrig ist ein kleiner Tümpel, wo einmal ein bis zu Hundert Meter tiefer großer See war, schon verrückt das Ganze, nur um gemäß irgendeines Fünfjahresplanes von neunzehnhundertirgendwas Kasachstan und Usbekistan zu Baumwollexportregionen zu machen. Naja, nicht mehr zu ändern, nur schade, dass sich die betroffenen Länder nicht einigen können, wie der See wieder in seinen alten Zustand versetzt werden kann.

Nach etlichen Kilometern verschwand die schöne Straße und wurde wieder zur Schlaglochpiste. In Nukus, nach etwa 500 km machten wir dann Halt. Thom hatte uns ein Hotel ausgesucht, von außen ein ehemaliger Sowjetbau, von innen noch ehemaliger, die Zimmer gruselig und seit 30 Jahren nicht mehr renoviert, die Bäder ebenso. Duschen ging nicht, es gab nur Heißwasser und das auch nur für 5 Minuten. Immerhin konnten wir ein bisschen Schweiß abspülen.

Leider mussten wir fürs Hotel nahezu unsere gesamte Barschaft opfern, weil die Banken und damit auch die Geldautomaten zeitig schließen. Auf ein karges Mahl eingestellt wurden wir von zwei Twens in einem exzellenten Englisch angesprochen. Es ginge einfach darum, die Sprachkenntnisse zu verbessern und sich mit Ausländern zu unterhalten. Insgesamt ein netter Kontakt, und sie verhalfen uns dann nach einigen Schwierigkeiten zu einer ordentlichen Menge Sum, wie wir dachten: 100 $ ergaben 400.000 Sum. Damit gerüstet gings in ein Schnellrestaurant zum Essen. Und dann zu Bett. Zumindest das Bett war einigermaßen okay.

Wolle

Wolle

Lebt in der Nähe von Hamburg und liebt das ganz große Abenteuer. War auf seiner modifizierten 650er Xchallenge in der Mongolei und Sibirien. Für die etwas gemächlicheren Touren innerhalb Zentraleuropas zieht er jedoch als Lastesel seine zuverlässige 1200er Ténéré vor.