Norwegen-Tour 2013, Tag 8

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Samstag, 20. Juli 2016 Folva – Stryn – Utvik – Skei – Bøyum – Sogndal -Lærdal (ca. 215 km)

Obwohl jeder von uns seine Campingausrüstung dabei hat, zogen wir in den vergangenen Tagen ein festes Dach über den Köpfen vor. Aber ab sofort soll laut Wettervorhersage durchgehend die Sonne scheinen, da gibt es keine Ausreden mehr! Also fassen wir beim gemeinsamen Frühstück für den heutigen Abend den Entschluss zum Zelten. Und zwar wild. Wie sonst.

Beim Frühstück in Folva besprechen wir das weitere Vorgehen für den Tag.

Hier in Norwegen soll es schließlich grundsätzlich erlaubt sein, an beliebiger Stelle sein Zelt aufzuschlagen, sofern man das nur weit genug vom nächsten bewohnten Haus tut. Und überhaupt: auf einem Campingplatz zelten, in direkter Nachbarschaft zu einem dieser komfortablen Blockhäuser? Kommt gar nicht in Frage. Wenn schon, denn schon! Sichtbare Freude bei Gernot und Tina. Na denn, auf in die wilde Natur!

Blick auf den Oppstrynsvatnet. Übersetzt heißt das vermutlich Oberstryner See.

Jetzt, da das Was beschlossen ist, machen wir uns Frühstück und versuchen die Fragen nach dem Wo und Wie zu klären. Also: wo wollen wir heute abend zelten und wie kommen wir dort hin? Wir besinnen uns an die im Winter mehrheitlich abgenickte Routenplanung und stecken den heutigen Kurs nach deren groben Vorgaben ab. Soll heißen: es geht mehr oder weniger im Zickzack-Kurs in die Gegend um Lærdal. Was anderes als Zickzack ist in Norwegen sowieso kaum möglich. Zuvor muss jedoch die Bude ausgefegt und der Abwasch erledigt werden. Danach rödeln wir die Kräder auf, hinterlegen noch die Hausschlüssel an einer zuvor vereinbarten Stelle und starten gegen halb 12 die Motoren. Wir sind ja schließlich nicht auf der Flucht.

Wir folgen weiter der E15, die sich eng an das Ufer des Oppstrynsvatnet schmiegt. Das sich uns bietende Panorama mit dem spiegelglatten Wasser, den grünen Bergen und dem blauen Himmel ist die reinste Postkartenidylle. So kann es jetzt von mir aus weitergehen, für solche Eindrücke bin ich hier! Überhaupt liebe ich es, an Ufern entlangzufahren. Am allerliebsten mit Bergen im Hintergrund.

Blick auf Unvik. Im Hintergrund: Innvik.

In Stryn biegen wir nach links auf eine Nebenstraße ab, deren Verlauf wir um den östlichen Teil des Innvikfjords über Loen, Olden und Innvik nach Utvik folgen. Dort legen wir den ersten als Erholungspause getarnten Fotostopp ein, denn das gewaltige Panorama des Fjords raubt uns allen jedwede Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr. Außerdem sind die Temperaturen seit heute vormittag ziemlich stark angestiegen. Es wird also Zeit, uns etwas Marscherleichterung zu verschaffen, indem wir die inzwischen viel zu warmen Sachen drunter ausziehen und in der angenehmen Sonne über die Motorräder zum Trocknen ausbreiten.

Auf dem Weg von Utvik nach Byrkjelo haben wir mit allerlei Hindernissen zu tun.

Ab Utvik verlassen wir das Ufer, und es geht in südlicher Richtung den Berg hinauf, wo sich vor uns ein 123er Diesel in bemerkenswert gutem Zustand anschickt, die Serpentinen zu erklimmen. An Überholen ist mit unseren überladenen Streitrössern auf diesen engen und unübersichtlichen Kurven nicht zu denken, schon alleine deshalb, weil Gernot wieder weit zurückhängt. Überdies stehen überall am Fahrbahnrand Schafe und Kühe herum, deren Hinterlassenschaften in Kurven meiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Jedoch: wer langsam fährt, kommt auch ans Ziel – wie Oma stets zu sagen pflegte – und so kommen wir letztendlich doch noch oben an und kehren beim Karistova Hotell in Byrkjelo für ein leckeres Eis ein. Inzwischen steht das Thermometer bei 26 Grad.

Auf der E39 geht es über Skei weiter nach Süden. Nobbe und ich haben Gernot in unsere Mitte genommen.

Es geht weiter auf der E39 Richtung Skei, wo wir nach links auf die E5 in Richtung Sogndal abbiegen. Moment, Skei? Gab es so eines, oben vor Kvisvik, nicht auch schon? Wie auch immer.  Nobbe und ich beschließen, Gernot und Tina in unsere Mitte zu nehmen. Vielleicht bleibt unsere kleine Kolonne auf diese Weise etwas dichter zusammen. Der Plan scheint zu klappen. Gernot fährt mit seiner weißen G/S deswegen zwar immer noch nicht schneller, aber weil ja Nobbe direkt hinter ihm klebt, brauche jetzt nur noch ich meine Geschwindigkeit an die beiden anzupassen. Jedoch, so schwant mir, ist auch diese Methode keine langfristige Lösung. Darüber wird später jedenfalls noch zu reden sein.

In Sogndal führt diese historische Stahlbogenbrücke über den Fjord.

Als wir in der Gegend um Bøyum auf einen Ausläufer des Sognefjords stoßen, komme ich mir vor wie in den bayerischen Alpen bei Oberammergau. Aber sobald die Sicht auf das Wasser im Fjord frei wird, ändert sich das wieder und meine Vorstellung ordnet sich in die passenden Breitengrade ein. Nobbe kommt zu mir nach vorne gefahren, um per Handzeichen einen baldigen Tankstopp anzufordern. Wir haben seit dem letzten Volltanken in Åndalsnes zwar erst rund 300 Kilometer zurückgelegt, aber offenbar traut er sich noch nicht so recht, die maximale Reichweite seines neuen Motorrades voll auszuschöpfen. Die liegt bei unseren Adventures immerhin bei beruhigenden 600 Kilometern. Aber auch ich bin innerlich für eine Pause, denn mein Hintern hat beim Großhirn schon mehrere entsprechende Anträge eingereicht. Auf Toilette muss ich sowieso und Christian teilt mir über Bordfunk mit, dass er Hunger hat. Und: wir brauchen noch Vorräte für die bevorstehende Übernachtung in der rauhen Wildnis. Also fahren wir noch die rund 30 Kilometer bis Sogndal, um uns mit Proviant zu versorgen und die Maschinen mit Kraftstoff.

Der Amlatunnel endet unmittelbar vor der Fähranlegestelle Manheller-Fodnes.

Wir folgen anschließend weiter der E5 und fahren hinter Kaupanger in den knapp 3 Kilometer langen Amlatunnel hinein. Bei der Ausfahrt am anderen Ende bietet sich eine interessante Situation, denn Tunnel samt Straße enden buchstäblich am Fähranleger von Manheller. Was norwegische Kraftfahrer mit stoischer Gelassenheit hinzunehmen scheinen, sorgt in mir stets für angenehme Aufregung. Denn auch wenn Fähren viel Zeit kosten – wobei, das kommt auf die Sichtweise an – so üben sie auf mich jedesmal eine angenehme Faszination aus.

Auf der Fähre Manheller-Fodnes

Also hin, Fahrschein lösen und an Bord, natürlich ganz nach vorne! Direkt an der Bugklappe bietet sich einem die beste Sicht. Die Überfahrt auf der „Årdal“ dauert nur ein paar Minuten, und schon liegt das Schiff gegenüber am Anleger Fodnes. Die Schranke öffnet sich, und die Klappe neigt sich hinunter. Inzwischen sind fast keine Wolken mehr am Himmel zu sehen.

Als wir von Bord fahren, geht es nach anderthalb Kilometern schon wieder in den Berg: der über sechstausend Meter lange Fodnestunnel. Im Rückspiegel sehe ich, wie Gernot langsamer wird. Ich frage mich, was denn da jetzt schon wieder los ist, schließlich gibt es hier im Tunnel doch gar nichts zu sehen? Am Tunnelausgang in Lærdal zieht Gernots G/S völlig untertourig an mir vorbei und bleibt hinter dem Kreisverkehr am rechten Fahrbahnrand stehen. Wat nu los?

Auf der Fähre Manheller-Fodnes

Es stellt sich heraus, dass sich der vordere angeschraubte Teil seines Schalthebels verdünnisiert hat, irgendwo auf den letzten paar Kilometern. Gernot konnte zwar noch in den 5. Gang hochschalten, aber beim Versuch, wieder in den Vierten zu gehen, kurz vor dem Tunnelausgang, trat sein linker Fuß ins Leere. Huch? Kleine Ursache, große Wirkung. Ohne dieses Ding ist unser Ausflug hier erstmal beendet.

Also lautet der Befehl: zurück und suchen! Ist ja auch egentlich ganz einfach: man muss nur da hinfahren, wo es liegt. Ich bitte Christian abzusteigen, und Nobbe stellt sein Krad hinter Gernots am Fahrbahnrand hin. Zurück bis zum Fähranleger sind es so knapp über 8 Kilometer, alles in allem. Ich rechne mir gewisse Chancen aus, das vermisste Teil wiederzufinden, denn bei Gernots Trödeltempo kann es ja nicht weit weggesprungen sein,  und die Straße war dort hinten ziemlich breit.

Gernots Schalthebel ist plötzlich weg!

Also drehe ich um und brettere in Einsatzfahrt durch den Tunnel zurück zum Anleger. Ist schließlich ein Notfall. Außerdem empfinde ich die plötzliche Leichtigkeit meiner BMW aufgrund Christians Abwesenheit als überaus motivierend. Kurz vor der Fähre wende ich mein Krad wieder in Richtung Lærdal und fahre im ersten Gang los.

Da liegt er! Der Pinökel von Gernots Schalthebel ist wieder da.

In der Hoffnung, den Gernot’schen Schaltrhythmus einigermaßen zu treffen, beschleunige ich gemächlich bis in den 5. Gang und gehe ab da in Schleichfahrt am Fahrbahnrand. Irgendwo hier muss das verfluchte Teil herumliegen – hoffentlich aber nicht im Bankett, wo das hohe Gras steht. Das wäre blöd. Überflüssig zu erwähnen, wie groß meine Genugtuung ist, als ich den Pinökel kurze Zeit später auf der Asphaltkante in der Sonne glitzern sehe. Na, wer sagt’s denn! Liegt einfach so rum und sagt nix.

Zwangspause in Lærdal: Gernots G/S muss repariert werden.

Als ich wieder zurück bei den anderen bin, schlurft Gernot gerade missmutig aus einer gegenüberliegenden Landmaschinenwerkstatt auf uns zu, wo er sich aus einer 8er Schraube und ein paar Muttern ein Provisorium basteln wollte – während Christian und Nobbe rumblödeln. Selbstbewusst hole ich das Teil aus meinem Tankrucksack, halte es wie eine Trophäe in die Luft und zeige es siegessicher in der Gruppe herum.

Als Gernot über die Straße zu uns rüberkommt, teilt ihm Tina mit, dass er sein blödes Provisorium wegschmeißen könne. Wie sich jedoch herausstellt, hatte die Werkstatt sowieso zu, Gernot kommt mit leeren Händen. Nur mit großer Mühe kann ich mir ein breites Grinsen verkneifen. Tscha. Adlerauge rettet den Tag! Und die mir zustehende Verdienstmedaille trage ich ja sowieso schon seit gestern.

Von unserem Zeltplatz bietet sich uns dieser wunderbare Anblick.

Aber die Schatten werden länger und die Zeit drängt. Schließlich müssen wir uns noch ein schnuckeliges Plätzchen suchen. Gernot schraubt seinen Schalthebel wieder zusammen, und wir fahren weiter. Allerdings führt er jetzt unseren Treck an, denn als Trapper hat er von uns allen die größte Erfahrung. Es geht entlang des Lærdalselvi ein paar Kilometer flussaufwärts, als unser Anführer unerwartet rechts abbiegt. Direkt am Fluss, auf einer Wiese neben der Brücke, hier also wollen wir zelten? Da hätt‘ ich jetzt aber etwas mehr Romantik erwartet.

Nicht falsch verstehen: das hier ist ein tolles Plätzchen mit schöner Aussicht auf die Berge, direkt am rauschenden Bach, und die tiefe Sonne taucht die umliegenden Wälder in tolle Farben. Aber unter Wildnis hatte ich mir jedenfalls nicht diesen Ort hier vorgestellt.

Auch in der rauhen Natur muss man nicht auf gewissen Luxus verzichten!

Egal, hier bleiben wir. Also Gepäck abschnallen, Zelte hinstellen und Luftmatratzen aufblasen! Unwillkürlich kommt mir der Streifen City Slickers in den Sinn. Während ich mir noch Gedanken mache, wie ich die verdammten Heringe in den steinigen Boden bekomme oder ob ich die Zeltschnüre stattdessen lieber an großen Steinen oder unserem Gepäck befestigen soll, hat Gernot sein Zeug schon längst fertig und kümmert sich mit Tina weiter abseits um ein Lagerfeuer und unser Abendessen. Christian prüft indes schonmal die Qualität unseres gemeinsamen Doppel-Luftbettes.

Als jeder von uns Gernots leckeren Eintopf mampft, nähert sich ein weißer Pickup und parkt neben unseren Maschinen. Na toll. Wollen die uns etwa von hier wegekeln? Zwei Typen steigen aus, bekleidet mit Basecaps und Wathosen, in den Händen Koffer und Fliegenruten. Die beiden sind offenbar genau so begeistert wie wir, an diesem Ort andere Leute anzutreffen. Aber sie scheinen tatsächlich die Absicht zu haben, hier und jetzt zu fischen. Man sieht denen förmlich an, dass die nichts dem Zufall zu überlassen. Und deshalb wird das jetzt auch durchgezogen. Mit oder ohne unsere Anwesenheit. Wahrscheinlich hassen die uns jetzt.

Jedes Motiv wie eine Postkarte: Blick von unserem Biwak hinauf ins Lærdal.

Aber wir sind ja nett und versuchen mit einem der Kerle auf englisch ins Gespräch zu kommen. Dabei erfahren wir von ihm, der übrigens ausschaut wie dieser Grissom aus CSI, dass man hier nach Lachsen fischen will, und es offenbar genau an dieser Stelle am besten funktionieren würde, wegen der Brücke. Er bittet uns noch, nicht so viel durch die Gegend zu laufen, das würde die Fische verscheuchen. Hä? Was für Fische? Ich seh‘ keine. Am besten hinsetzen und zusehen. Na denn mal los. Zeigt, was Ihr drauf habt, Männer!

Während unseres Biwaks erhalten wir von „Grissom“ eine Lehrstunde im Fliegenfischen.

Die Vorstellung folgt einer fest einstudierten Choreographie. Jeder der beiden scheint genau zu wissen, wann er wo zu stehen hat, und wohin er mit seiner Rute den Köder platzieren muss. Die machen das heute jedenfalls nicht zum ersten Mal, so viel steht fest. Auch erkennt man hier, dass diese Art zu fischen eine ziemlich raumübergreifende Angelegenheit ist. Ständig wechseln die beiden ihre Standorte, stehen mal auf unserer Höhe, dann wieder weiter unten, mal direkt unter der Brücke, hin und her, hier und da, trallala. Unter Angeln hatte ich mir bisher immer was anderes vorgestellt. So mit Hocker und Sonnenschirm und so. Auf einem Steg.

In dem Moment, wo ich Nobbe schon eine Wette anbieten will, zieht „Grissom“ plötzlich einen Mordsfisch ans Ufer, und er macht mit seinem Fang auch gar nicht lange herum: Knüppel uffen Kopp und Feierabend. Nicht schlecht. Die Wette hätte ich glatt verloren.

Gruppenbild mit Dame. Wir machen es uns bequem und lassen den Abend ausklingen.

Die zwei Fliegenfischer versuchen es danach noch eine Weile, vergeblich zwar aber nicht weniger motivert, als sie wie auf Kommando zeitgleich zusammenpacken und wortlos mit ihrem Pritschenwagen verschwinden. Jetzt sind wir also wieder unter uns und richten ein Lagerfeuer her, mittig zwischen unseren Zelten. Unser Kochfeuer von vorhin ist bereits aus.

Ja, doch, diese Stelle hier ist schön. Sah anfangs nicht auf Anhieb danach aus. Aber jetzt, am Feuer und einer Büchse schweineteuren norwegischen Bieres in der Hand, da gefällt mir die Sache schon wesentlich besser.

Die Sonne verschwindet hinter den Bergen und wir verkriechen uns in die Schlafsäcke, während zwei dicke Balken im Lagerfeuer vor sich hin knistern. Bevor wir versuchen zu schlafen, gibt es noch das übliche Gekicher von Christian, Nobbe und mir. Aber schließlich verstummen alle. Das Rauschen des Flusses wird immer lauter. Ob es hier Grizzlys gibt?

Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
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