Norwegen-Tour 2013, Tag 7

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Freitag, 19. Juli 2013 Åndalsnes – Trollstigen – Geiranger – Dalsnibba – Folva (ca. 160 km)

Die für heute geplante Route dürfte zweifellos als einer der Hauptgründe für unsere Reise nach Norwegen gelten: es geht hinauf in die Berge, über den Trollstigen zum Dalsnibba. Sein Gipfel liegt knapp 1500 Meter über dem Geirangerfjord, und er ist ein bekannter Aussichtspunkt. Umso mehr freuen wir uns über das stetig besser werdende Wetter.

Tank- und Frühstückshalt in Åndalsnes, bevor es weiter zum Trollstigen geht. Unter seinen Koffern lassen sich Gernots Metflaschen erkennen – jedenfalls was wir nach zwei Abenden davon übrig gelassen hatten.

Nachdem unser allmorgendliches Prozedere erledigt ist, verlassen wir den Campingplatz zurück in Richtung Åndalsnes. Dort soll zunächst getankt und auch das heutige Frühstück eingenommen werden. Uns fällt auf, dass wir es bislang kein einziges Mal geschafft haben, in ein anständiges Restaurant einzukehren, ordentlich angezogen und wie man sich das halt so vorstellt. Irgendwie waren wir abends immer froh, einfach nur unsere Ruhe zu haben. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Nach einer kulinarsch eher unauffälligen Erfahrung und dem Befüllen unserer Kraftstofftanks geht es von Åndalsnes zunächst ein kleines Stückchen auf der E163 in Richtung Südost, um kurz darauf nach rechts auf die Reichsstraße 63 abzubiegen – geradewegs zum Trollstigen. Von hier aus ist das nur ein Katzensprung von schlappen 15 Kilometern.

Die Serpentinen hinauf zum Trollstigen, dessen Gipfel von dichten Wolken umhüllt ist.

Dass wir den Trollstigen von Nord nach Süd anfahren, ist kein Zufall: wir wollen ihn bergauf „bezwingen“. Klar, man könnte nun hoch- und gleich wieder runterfahren, dann wäre es egal woher man kommt. Aber sowas finde ich irgendwie komisch. Ich bin leider kein Umdrehtyp. Ich reiße meine Strecke ab und gut. Deshalb halte ich auch nicht extra zum Fotografieren an, wenn ich unterwegs etwas sehe. Ich merke mir die Stelle und halte dann, wenn ich das nächste Mal vorbeikomme. Klar, wenn wir als Karawane unterwegs sind, dann halten wir schon öfter mal an, das sind dann aber eher Erholungspausen, bei deren Gelegenheit dann eben auch mal Fotos entstehen.

Aufstieg zum Trollstigen.

Aber wie immer, so gilt auch hier: keine Regel ohne Ausnahme. Als wir in Sichtweite der Serpentinen kommen, fahren wir auf Höhe des vorgelagerten Parkplatz rechts ran. Diese beeindruckende Felswand muss einfach fotografiert werden! Wir beobachten von unten, wie sich die Menschen mit allerhand Verkehrsmitteln nach oben bemühen. Per Rad, Auto, Motorrad und Omnibus, ja sogar zu Fuß, alles ist dabei – und behindert sich gegenseitig am Fortkommen. Die Straße hinauf ist sehr schmal, hat enge Kurven, ist teilweise patschnass und steil sowieso. Aber jeder muss hoch – oder runter, je nach Herkunft – und degradiert den Berg zum… ach, egal. Wir sind ja auch nicht besser.

Da der Gipfel des Trollstigen fast komplett von Nebel umhüllt ist, kann ich vom Tal nur wenig erkennen.

Die Erinnerungsfotos sind im Kasten, und wir setzen unsere Fahrt fort. Je höher wir steigen, desto atemberaubender entwickelt sich das uns gebotene Panorama. Aber leider lässt das enorme Verkehrsaufkommen keine Ablenkung zu. Ständig kommen irgendwelche fetten Reisebusse entgegen, und ständig müssen irgendwelche Schleicher überholt werden. Naja, der Trollstigen ist eben zur puren Touristenattraktion verkommen, mit all den schlechten Nebenerscheinungen. Oder haben wir heute einfach nur einen blöden Tag erwischt? Ich hatte es mir in meiner Fantasie jedenfalls schöner vorgstellt. Intensiver irgendwie. Nur mit mir weit und breit auf der Straße. Und meinen Mitstreitern natürlich.

Hinter dieser Kante stürzt das Wasser hunderte von Metern in die Tiefe.

Oben angekommen nehmen wir jetzt halt auch noch die obligatorischen Souvenierläden mit, darauf kommt es schließlich auch nicht mehr an. Wir stellen die Kräder auf dem Parkplatz ab, bewaffnen uns mit den Kameras und schwärmen aus. Ich versuche, ein paar brauchbare Motive zu finden, aber erstens ist es sehr diesig und zweitens stehen überall Menschen im Bild herum. Die wenigen Augenblicke, wo mal zufällig niemand durchs Motiv läuft, könnte ich an einer halben Hand abzählen. Das kann ich dann wohl klemmen.

Aus lauter Verzweiflung kaufe ich mir eine Ansteckplakette. „Trollstigen“ steht dort zu lesen, und es sind ein hässlicher Zwerg mit dem Berg und den Serpentinen darauf abgebildet. Ich stecke mir die runde Plakette an die Jacke und betrachte sie fortan als Erinnerungsstück. Nein, als Ehrenmedaille! Nicht alleine für den Trollstigen sondern die gesamte bisherige Norwegenreise und das, was noch kommen würde.

Eine Fähre bringt uns von Linge nach Eidsdal, von wo es weiter zum Geiranger geht.

Als wir nach etwa einer Stunde weiterfahren wollen, muss ich feststellen, dass ich die Kamera am linken Koffer schon wieder vergessen habe auszuschalten. Ausgerechnet heute! Boah, wie blöd kann man sein? Wieder eine Stunde Strom weg, und wieder eine Stunde Speicher weg für nix! Zwar hab ich ein Adapterkabel fürs Krad dabei, aber das kann ich nur benutzen, wenn ich die Kamera aus ihrem wasserdichten Gehäuse nehme. Doch dafür ist mir die Wetterlage noch zu unsicher. Hoffentlich reichen die Reserven noch halbwegs für die folgenden Attraktionen Geirangerfjord und Dalsnibba aus. Jedenfalls sitzen wir auf und fahren weiter – ich mit einigermaßen Wut im Bauch.

Die Straße auf dem Hochplateau oberhalb der Serpentinen ist bemerkenswert frei. Weder vor noch hinter uns sind irgendwelche Fahrzeuge zu sehen. Die scheinen tatsächlich alle von Åndalsnes zum Trollstigen zu pilgern und fahren dann wieder runter. Ist ja noch erbärmlicher als vermutet. Aber: umso besser für uns! Vor uns liegen jetzt ein paar entspannte Kilometer zum Geiranger. Auf halber Strecke werden wir von Linge mit der Fähre über einen Ausläufer des Storfjordes nach Eidsdal übersetzen. Zuvor passieren wir in Valldal aber noch die beiden abgestellten Adventures unserer englischen Nachbarn aus Sykkylven. So sieht man sich wieder.

Selbst große Pötte wirken im Gerangerfjord wie Spielzeug. Links im Hintergrund ist der Dalsnibba zu erkennen.
Ein Anblick, bei dem mir dann doch die Spucke wegbleibt. Rechts hinten ein Wasserfall: Die Sieben Schwestern.

Die folgenden knapp 20 Kilometer vergehen buchstäblich wie im Flug. Die Sonne hat inzwischen endgültig die Oberhand gewonnen, und der geringe Verkehr lässt erstmals sowas wie Fahrspaß aufkommen – trotz des enormen Gewichtes, welches mein tapferes Krad zu tragen hat. Dass Nobbe genau so empfindet, erkenne ich im Rückspiegel an seiner Fahrweise, wenn das Vorderrad seiner GSA hochsteigt. Aber Gernot lässt sich jetzt immer häufiger übermäßig weit zurückfallen. Erste Anzeichen vielleicht, dass er und Tina sich hier ein paar Abläufe anders vorgestellt hatten?

Plötzlich und unvermittelt präsentiert sich vor uns die gähnende Leere des Geirangerfjordes. Direkt vor mir, in der kommenden Linkskehre: ein Parkplatz, dahinter geht es steil hinunter. Das bedeutet dann wohl schon den zweiten Bruch meiner eigenen Regel: also anhalten und schauen.

Die Aussicht auf den Fjord bricht alle Rekorde. Die schroffen und mehrere hundert Meter tiefen Felswände, das dunkelgrüne Wasser, die zu Miniaturen degradierten Passagierschiffe. Der Anblick, der sich hier einem bietet, ist schier atemberaubend! Wir bleiben hier noch eine Weile und knippsen wie die Irren, bevor wir wieder aufsitzen. Kost‘ ja nix mehr heutzutage. Erleichtert stelle ich fest, dass ich die Actioncam während des Aufenthaltes abgeschaltet hatte.

Während unserer Kaffeepause bietet sich uns diese kaiserliche Aussicht.

Wir fahren die Spitzkehren hinunter ins Tal und durchqueren den Ort Geiranger. Dahinter geht es sofort wieder nach oben. Auf etwa halber Höhe befindet sich das Hotel Utsikten Bellevue, wo wir spontan eine Kaffeepause beschließen. Die Aussicht von der Terrasse auf den Fjord ist, naja, mir gehen langsam die Superlative aus – aber unser alter Kaiser Wilhelm fand es hier offenbar auch schon toll. Das geht jedenfalls aus der Gedenktafel hervor, die an dem Obelisken auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängt. Tatsächlich war er ja ein großer Freund Norwegens.

In Geiranger, Blick zum Fjord.

Als wir nach dem Kaffee zurück zu den abgestellten Krädern gehen, ein Schreck: die Flaschen unter Gernots Alukoffern sind weg! Die Haltegurte hängen lustlos herunter. Gernot hat den Met unterwegs irgendwo verloren. Und keiner hat es gemerkt. Das kommt davon wenn man dauernd als letzter fährt. Der schöne Fusel! So ein Jammer aber auch…

Gernot begutachtet die Gurte unter den Alukoffern. Unser schöner Met hat sich verflüchtigt.

Trotz dieses brutalen Schicksalsschlages setzen wir unsere Reise fort. Schließlich muss es ja irgendwie weitergehen. Dann also auf zum Dalsnibba. Bis dahin sind noch ein paar Kurven zu nehmen und insgesamt fast 1500 Höhenmeter zu erklimmen. Das ist schon eine Ansage. Wir folgen weiter der Rv63 bis hoch zum Djupvatnet-See, wo es links zum Gipfel geht. Diese Straße kostet Maut, auch für Krafträder. Und so müssen wir zum ersten Mal etwas für die Benutzung einer Straße bezahlen, seit wir hier in Norwegen sind. Und man ist nicht zimperlich: 100 Nocken wechseln pro Maschine den Besitzer, das entspricht fast 14 Euro.

Blick vom Dalsnibba hinunter zum Geiranger. Ich stehe hier oben knapp 1500 Meter über dem Wasserspiegel.

Oben angekommen, entschädigt uns die Aussicht jedoch um ein Vielfaches. Der Blick hinunter in den Geirangerfjord ist überwältigend. Die Straße schlängelt sich in dutzenden von Kurven nach unten. Gut, das überrascht jetzt wenig, immerhin sind wir genau diese Kurven soeben nach hier hochgefahren. Aber trotzdem, der Anblick begeistert.

Nachdem ich genug gestaunt und fotografiert habe, gehe ich mit Christian in den nahen Souvenierladen, um mich umzusehen. Ich bin schon genau wie all die elenden Touris, die hier zum Runterglotzen in Massen hochgekarrt werden. Schiet drup. Jetzt bin ich schonmal hier, und dann will ich auch aller Welt vor Augen führen, dass ich hier war und kaufe mir einen Aufkleber fürs Motorrad. Hier kennt mich ja zum Glück niemand.

Unsere sehr komfortable Hütte in Folva.

Hier oben ist es merklich kalt, und als wir uns alle sattgesehen haben, brechen wir auf für die letzte Tagesetappe. Wir wollen noch so etwa 50 Kilometer schaffen und uns dann nach einer Hütte umsehen. Also folgen wir weiter der Rv63 und biegen dann nach rechts auf die E15 ab. In einem Kuhkaff namens Folven entdecken wir kurz vor dem Ortsausgang eine Reihe schnuckeliger weißer Hütten mit begrünten Dächern. Alle scheinen leerzustehen, niemand ist vor Ort anzutreffen.

Aber man braucht offenbar nur lange genug herumzulungern, dann kommt schon irgendwer. In diesem Fall tatsächlich die Tochter des Vermieters. Der wohnt auf der anderen Seite des Dorfes, und sie wollte hier gerade die Betten der Vormieter abziehen. Das große Schild vor Vaters Haus mit der Aufschrift Hytter hätten wir eigentlich nicht übersehen können. Meint sie jedenfalls. Wie auch immer, nach kurzer Verhandlung nehmen wir eins der Holzhäuser und steigen ab. Die noch zu erledigende Endreinigung übernehmen wir selber und bekommen das Objekt dafür etwas billiger.

Wir kochen was Leckeres aus unseren Vorräten und lassen den Abend gemütlich ausklingen, während wir über die vielfältigen Erlebnisse eines langen Tages reden. Zuvor hat Gernot noch mittels von Christian im angrenzenden Wald gesammelten Holzes den gusseisernen Ofen angeheizt, und die Bude ist jetzt kuschelig warm. Hach, jetzt ein Gläschen Met, das hätte was! Stattdessen gibt es Saft.

 

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Links:
Folven Camping

Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
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