Norwegen-Tour 2013, Tag 5

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Mittwoch, 17. Juni 2013 Kvisvik – Batnfjordsøra – Dryna – Ålesund – Sykkylven (ca.230 km)

Die Nacht muss ich offenbar in einem Zustand tiefer Bewusstlosigkeit verbracht haben, und angesichts der Lage halte ich es im Nachhinein für überaus bemerkenswert, trotz des bestialischen Gestankes in unserer engen Hütte überhaupt wieder aufgewacht zu sein. Meine Augen sind total verklebt und ich torkle vom Bett in Richtung Fenster. Jemand sitzt am Tisch und fummelt entspannt an einem Laptop herum. Nobbe, bist Du das? Scheinbar ist er immun gegen die toxischen Dämpfe, die unsere Strümpfe seit gestern abend mithilfe des elektrischen Heizkörpers in den freien Raum emittieren. Christian indes, wie üblich um diese morgendliche Zeit, liegt völlig regungslos in seinem Schlafsack. Um sicher zu gehen, stuppse ich ihn vorsichtshalber an. Aha, er bewegt sich noch.

Als ich wieder einigermaßen klar sehen kann, erkenne ich Nobbe am Tisch.

Durch das offene Fenster strömt frische Luft in unsere karge Behausung, und meine Sinne pendeln sich langsam wieder auf Normalnull ein. Erfreut stellen wir fest, dass es die Nacht über kaum geregnet hatte. So weit zur guten Nachricht. Denn über das Meer ziehen schon wieder dicke Wolken auf, und es ist nur eine Frage von Minuten, wann es wieder zu regnen beginnen wird.

Als weiteren Punkt auf der Seite der negativen Ereignisse zählen wir die Tatsache, dass der Kiosk im Sanitär-Pavillon heute geschlossen ist. Damit hat sich dann auch die Frage nach Frühstücksbrötchen und dergleichen erübrigt. Immerhin kommt aus den Duschen nebenan heißes Wasser, auch wenn zu diesem Zweck ständig Münzen in einen Automaten nachgeworfen werden müssen. Von den dafür benötigten 10-Kronen-Stücken können wir mit Mühe genügend für alle zusammenkratzen, und so muss heute wenigstens niemand auf seine wärmende Dusche verzichten. Aber eigentlich war das mein Würstchengeld.

Biowaffen-Versuchsanstalt in Kvisvik

Nobbe hat heute morgen starke Rückenschmerzen, und er bittet mich, ihn mit Schmerzgel einzureiben. So stehen wir also da, beide halb nackt, er sich am Hochbett festhaltend, ich hinter ihm und auf seinem Buckel in glitschiger Pampe herumschmierend… das war jetzt aber schon bissle gay.

Wir beschließen anschließend, den Ort möglichst zügig zu verlassen, um abermals in einer der nächsten Tankstellen auf so etwas wie Frühstück zu hoffen. Also packen wir unser Zeug zusammen, geben die Schlüssel ab und fahren los. Pünktlich zur Abfahrt beginnt es zu Kübeln. Wenigstens haben wir trockene Klamotten an.

Kaffeepause in Midsund. Für einen kurzen Moment mal raus aus dem Regenzeug.

Im 35 Kilometer entfernten Batnfjordsøra reiten wir in die örtliche Statoil-Tanke zum Frühstück ein. Der Laden entpuppt sich als Glückstreffer und hält leckere Speisen in einem ordentlichen Lokal im Stil eines amerikanischen Diners für uns bereit. Während wir beim Essen die Landkarte studieren, stellen wir fest, dass wir auf dem Weg nach Kristiansund falsch abgebogen sind. Von dort wollten wir eigentlich die über acht Kilometer lange Atlantikstraße nach Vevang befahren. Aber es schüttet draußen dermaßen heftig, die Sicht ist miserabel, und den Fotoapparat will bei diesem Schietwetter niemand von uns rausholen.

Die Brücke von Midsund hinüber nach Midøya stellt für die uns entgangene Atlantikstraße keinen wirklichen Trost dar.

So beschließen wir schweren Herzens, die Atlantikstraße dann halt bei unserer nächsten Norwegenreise mitzunehmen. Irgendwann. Stattdessen wollen wir jetzt auf möglichst direktem Weg nach Dryna kommen, wo wir mit der Fähre nach Brattvåg überzusetzen gedenken. Als unser heutiges Tagesziel haben wir uns die Hafenstadt Ålesund ausgesucht.

Überhaupt entstehen dieser Tage wetterbedingt nur sehr wenige Fotos. Einzig meine wasserdichte Actioncam lasse ich manchmal am Krad nach rückwärts mitlaufen, aber wegen des unaufhörlichen Regens kann man die so entstehenden Aufnahmen eigentlich nur noch verbrennen. Es ist eine Verschwendung von Batteriekapazität und Speicherplatz.

Die nächsten 90 Kilometer führen uns durch atemberaubende Landschaften, aber es nutzt ja nix: der strömende Regen verhagelt uns jegliche Motivation zum Anhalten und Fotografieren. In ständiger Bewegung zu bleiben und hinter den Windschildern unserer Motorräder zu kauern ist die einzige Chance, von dem elenden Dauerregen nicht auf der Stelle komplett aufgeweicht zu werden.

Unsere Fähre sehen wir vom Anleger Dryna am Horizont nur noch von hinten.

In Midsund legen wir schließlich wieder eine etwas längere Pause ein, stellen die Motorräder rückwärts unter das Tankstellendach und ziehen für einen Moment dankbar unsere Regenklamotten aus. Verzweifelt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass für die Dauer unseres Aufenthaltes auch der Regen eine Pause macht – welche er selbstverständlich zeitgleich mit dem Beginn unserer Weiterfahrt beendet. Das hat schon den Charakter einer Verschwörung.

Gut, aufsitzen! Es geht weiter. Nicht jedoch, ohne zuvor auch noch feststellen zu müssen, dass ich Dussel meine am Koffer befestigte Actioncam nicht abgeschaltet hatte, und sie deshalb die vergangenen anderthalb Stunden tapfer in das Schaufenster der Statoil-Butikk filmte. Das auch noch. Fahrt geht gleich weiter, Akku so gut wie leer und nur Blödsinn aufgenommen. Na klasse.

Buchstäblich wie ein Haufen begossener Pudel warten wir in diesem Unterstand auf die Fähre.

Nach ein paar weiteren Kilometern im Regen kommen wir endlich am Anleger in Dryna an. Die Fähre ist in etwa einem Kilometer Entfernung schemenhaft auf dem Meer zu erkennen. Nur leider bewegt sie sich nicht auf uns zu, sondern von uns weg. So ein blöder Mist, das darf doch jetzt echt nicht mehr wahr sein!

Die Menge unseres noch vorhandenen Verstandes reicht gerade noch aus, um unter größten Mühen eine Art Fahrplan zu deuten, der an einem Wartehäuschen der nahen Bushaltestelle angebracht ist. Gut, wenn man Akademiker dabei hat. Sollte Gernot die geheimnisvollen Zahlenfolgen auf dem Plan korrekt interpretiert haben, können wir bereits in 2 Stunden mit der nächsten Fähre rechnen. Na gut. Immerhin noch heute. Wir sitzen solange im Wartehäuschen und zählen die Regentropfen. Deren Anzahl dürfte in etwa der Strecke in Lichtjahren entsprechen, die meine Kameraaufnahmen der vergangenen Stunden vom Pulitzerpreis entfernt sind.

Trostlose Situation am Ende der Welt: Fähre knapp verpasst, wir warten im Regen.

Die Fähre ist tatsächlich pünktlich, was uns bei diesem Sauwetter und dem Wellengang, draußen auf der See, einigermaßen erstaunt. Die Passage hat bei der herrschenden Wetterlage etwas Abenteuerliches. Drüben angekommen, führt unser Weg von Brattvåg über Tennfjord und Myklebost durch den Tunnel von Hovland direkt nach Ålesund hinein. Unser Plan ist, dort eine Bleibe für die Nacht zu suchen.

Aber wie das so ist mit Plänen. In der Stadt angekommen, drehen wir im Ort einige tendenzlose Runden, halten auf dem Parkplatz vor einer Kirche an, beraumen eine spontane Lagebesprechung an und kommen zu dem Schluss, hier in Ålesund nicht zu bleiben – was konkret bedeutet, dass wir uns nach Osten absetzen werden, um auf unserer vorgeplanten Route die Fähre von Magerholm nach Sykkylven zu nehmen. Das wäre dann bereits die dritte Fähre am heutigen Tag.

Unsere Luxushütte in Sykkylven.

Eigentlich schon viel zu spät auf realistische Chancen für eine Hütte, erreichen wir am Abend dann schließlich Aure/Sykkylven. Erstmal reinfahren und schauen. Und tatsächlich lässt der Regen merklich nach. Endlich! Von einem Zustand, den man als schön bezeichnen würde, ist das Wetter zwar immer noch Meilen entfernt, aber hey, die Kurve tendiert eindeutig nach oben! Das Schicksal führt uns direkt zum Sjøbakken Camping, wo wir nach einigem Herumfragen den Wirt antreffen. Wir bekommen die einzige noch freie Blockhütte, eine herrlich große für 6 Personen. Man muss halt auch mal Glück haben – wobei, bis auf das miese Wetter läuft’s eigentlich ganz gut bisher.

Endlich absteigen und raus aus den Klamotten! Kradtechnisch sind wir alle bestimmt keine Weicheier, aber nach so einem Tag weiß man, was getan ist. Ich stelle fest, dass Lederhandschuhe für Fahrten bei Dauerregen allenfalls bedingt geeignet sind. Oder ich brauche größere Abweiser an den Lenkern. Falls es irgendwann mal wieder in den Norden geht, muss ich das unbedingt optimieren.

Unsere heutige Behausung überrascht uns mit stilvoller Inneneinrichtung und einem herrlichen Bad mit Dusche und WC. Natürlich gibt es auch eine tolle Küchenzeile, eine Sitzgruppe, einen Fernseher – und: vier elektrische Heizkörper! Es wird abgeschnallt und sich ausgezogen. Was keinen Platz mehr auf den Heizkörpern findet, wird locker über einen der Deckenbalken geschwungen. Die Bude sieht innerhalb Minuten aus wie ein Trödelmarkt.

Dank Gernots geschmuggeltem Honigmet wärmen wir uns in Sykkylven auch innerlich auf.

Wir kratzen unsere Vorräte zusammen und überlegen, wie aus all den Zutaten ein schickes Mahl für 5 Leute zu bewerkstelligen ist. Natürlich wird uns auch heute wieder etwas einfallen. Der Höhepunkt des heutigen Abendessens ist jedoch, als Gernot plötzlich eine der geheimnisvollen PET-Flaschen auf den Tisch stellt, die er schon die ganze Zeit über an der Unterseite seiner Alukoffer mitführt. Selbstgemachter Honigmet! Und ich dachte immer, da wäre Öl drin oder sowas. Vier mal anderthalb Liter hat dieser Hund also heimlich nach Norwegen eingeführt!

Aha. Ich bin umgeben von Kriminellen. Na gut, also her mit dem Schnaps und Prost!

Später hören wir Motorgeräusche von draußen. Nicht irgendwelche, das sind Boxer! Da will doch nicht etwa jemand unsere Kräder ausleihen? Nichts wie raus und nachsehen! Aber es gibt Entwarnung: die neuen Mieter der Nachbarhütte sind angekommen: zwei Engländer auf ihren Adventures. Wir begrüßen uns gegenseitig, aber aus einem freundlichen Hello und ein bisschen Smalltalk entwickelt sich kein weiteres Gespräch. Die sind wahrscheinlich genau so fertig wie wir und wollen einfach nur ihre Ruhe.

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Links:
Sjøbakken Camping

Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
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