Norwegen-Tour 2013, Tag 10

Start > Meldungen > Reiseberichte > Norwegen-Tour 2013, Tag 10

Montag, 22. Juli 2013 Skjoldastraumen – Vikedal – Sand – Knutsvik – Jørpeland (ca. 165 km)

Der Tag beginnt mit Kopfschmerzen. Die permanente Sonne auf den Helm brachte gestern wohl meine Birne zum Kochen. Zum Glück hab ich Aspirin dabei. Außerdem hab ich einen Sonnenbrand auf der Nasenspitze. Gegen halb 9 stehen wir auf legen die Reihenfolge für die Dusche fest. Draußen wird der Plastiktisch gedeckt, die Sonne scheint schon herrlich warm, und dann wollen wir frühstücken.

Stimmung am Frühstückstisch in Skjoldastraumen.

Alle noch verfügbaren Lebensmittel werden aus den Taschen gekramt und auf den Tisch gestellt, wo wir dann gemeinsam sitzen und über das weitere Vorgehen beratschlagen wollen. Aber in unserer Runde ist eine deutlich abgekühlte Stimmung wahrzunehmen, kaum ein Wort fällt. Liegt’s an der Hitze oder menschelt’s hier etwa?

Wir wissen noch nicht ganz genau wohin wir wollen, aber jedenfalls eines ist sicher: nicht noch einmal so weit wie gestern. Nicht bei dieser Affenhitze! Also studieren wir Nobbes Karte und schauen auf der Höhe von Stavanger, was es dort so gibt. Schließlich einigen wir uns auf den groben Bereich Jørpeland, wo wir dann bei Ankunft nach Hütten Ausschau halten wollen. Ich gebe den Kram in mein Montana ein, und das Gerät prognostiziert eine Gesamtstrecke von rund 160 Kilometern. Hört sich gut an, das sollte locker zu schaffen sein.

Warten in Ropeid auf die Fähre nach Sand.

Also gut, man kennt das ja: abräumen, abwaschen, Bude ausfegen, zusammenpacken, Schlüssel abgeben und los. Zuvor muss noch der Müllsack in den Container gebracht werden, der sich in einer weit abgelegen Ecke des Campingplatzes befindet. Christian und ich erledigen das vom Motorrad aus, ohne abzusteigen versteht sich.

Unser Treck setzt sich in Bewegung und folgt der Reichsstraße 513 weiter zur 46, dort weiter über Sandeid und Vikedal nach Ropeid, wo es mit der Fähre hinüber nach Sand geht. Nach einem kurzen Stück stadtauswärts biegen wir nach rechts ab und folgen der E13 über Erfjord nach Knutsvik. Die wunderschöne Strecke dort führt direkt am Ufer eines der zahlreichen Ausläufer des Boknafjords entlang, und nicht nur der Verlauf erinnert mich ein wenig an den gestrigen, auch die Temperaturen sind inzwischen wieder in den Dreißigern. Ein kurzes Stückchen weiter erreichen wir den Fähranleger Nesvik. Von dort setzen wir hinüber nach Hjelmeland und folgen für die nächsten 37 Kilometer weiter der E13. Bei Bjørheimsbygda geht es nach links auf eine Seitenstraße. Mein Navi ist der Meinung, dort entlangfahren zu müssen.

Schotterpiste bei Leitet.

Es geht auf einer schmalen und zunächst gut asphaltieren Straße den Hügel hinauf, die jedoch schon bald zu einer kurvigen Schlagloch- und dann sogar Schotterpiste mutiert. So erklimmen wir einige Höhenmeter und erreichen oben schließlich den Flecken Leitet, wo sich uns unvermutet ein wunderschöner Ausblick auf den Fjord in Richtung Stavanger bietet. Da ich unsere Kolonne anführe und bekanntlich ja nicht der Umdrehtyp bin, fahren wir an diesem fantastischen Panorama (leider) gedankenlos vorbei, talwärts geradewegs nach Jørpeland hinein – während ich mich die ganze Zeit über die verpasste Gelegenheit für ein schönes Foto ärgere. Heute ist stimmungsmäßig aber sowieso der Wurm drin. Bis auf die Zwangspausen vor und auf den Fähren haben wir auf den zurückliegenden 160 Kilometern kein einziges Mal angehalten und Pause gemacht. Einfach stur durchgezogen. Mein Kopf ist einfach nicht frei.

Einkaufen in Jørpeland.

Unten im Ort beschließen wir beim Halten vor einer Kreuzung, dass vor Beginn der Suche nach einer Unterkunft zunächst eingekauft wird. Wir fahren auf den Parkplatz eines kleinen Einkaufsmarktes und besorgen das Benötigte. Anschließend versuchen wir, einen Campingplatz mit freien Hütten zu finden, was jedoch leichter gesagt ist als getan. Weder innerorts noch außerhalb ist so etwas aufzutreiben.

Wir zweifeln schon daran, heute noch etwas Passendes zu finden und ziehen den Aufbau unserer Zelte, irgendwo draußen in der Walachei, ernsthaft in Erwägung. Vorher wollen wir aber noch an einem nahen Campingplatz vorbeischauen, weil es dort wenigstens anständige Waschgelegenheiten gibt. Die astronomischen Preise bei Preikestolen Camping erschüttern uns jedoch dermaßen, dass wir beschließen, lieber noch ein bisschen woanders weiterzusuchen.

Unser luxuriöses Heim in Jørpeland.

Der Zufall will es, dass wir 5 Kilometer westlich der Stadt eine Art Privatpension finden und dort eine komplett ausgestattete Ferienwohnung für 5 Personen sowie ein zusätzliches Zweibettzimmer zum Schnäppchenpreis angeboten bekommen.  Na, wenn das mal kein Glück ist! Klar, die nehmen wir! Gernot und Tina das Zweibettzimmer und der Rest ab in die feudale Ferienbude.

Es stellt sich heraus, dass unser Wirt ein vor 30 Jahren ausgewanderter Deutscher ist und diese Ferienwohnungen hier schon seit langer Zeit betreibt. Am Mobiliar der Wohnung ist sofort zu erkennen, wo dieser Herr seine Wurzeln hat: sämtliche Küchengeräte, Waschbecken, Armaturen, Fenster und sogar Türen, Möbel, Jalousien und Beschläge – alles Produkte von deutschen Herstellern. Dieser Mann weiß offenbar, worauf es ankommt. Ich schmunzle und muss sofort an England denken, aber das ist eine andere Geschichte.

Blick über den Fjord vom hauseigenen Bootsanleger unserer Ferienwohnung.

Wir rödeln unsere Maschinen ab, ziehen bequeme Klamotten an und setzen uns zusammen. Ladies, wir müssen reden! Während des Gespräches wird deutlich, was sich die Tage zuvor schon abzeichnete. Hier sind einfach unterschiedliche Erwartungen hinsichtlich der Gestaltung unserer Reise aufeinandergeprallt. Während das Hauptinteresse der einen Fraktion eher beim Fahren liegt, dem Genießen schöner Strecken und Übernachtungen in vernünftigen Betten mit festem Dach überm Kopf, legen die anderen eher Wert auf Zelten in freier Natur, mit Lagerfeuer und Angeln, fernab von jeglicher Zivilisation, und betrachten das Krad lediglich als billiges Fortbewegungsmittel dorthin. Außerdem würden die einen den anderen andauernd viel zu schnell rasen, während andererseits die ewige Trödelei auf den Keks geht. So, jetzt ist es raus.

Unsere Ferienwohnung liegt direkt am Wasser und hat einen eigenen Bootsanleger.

Hm, das sind tatsächlich gewaltige Gegensätze, und ich frage mich, wie wir das bei der Reiseplanung übersehen konnten. Doch jetzt, da der Knoten endlich geplatzt ist, sprechen wir gelassen und sachlich über die Situation, loten Für und Wider aus, wägen ab und bewerten unsere Optionen. Also. Wir sind hier am Tag 10, haben zwei Drittel der Reise hinter uns, und die Autofähre nach Dänemark geht nächsten Freitag mittag ab Kristiansand. Uns bleiben also noch 3 ganze Tage, um damit was Sinnvolles anzustellen und jeden von uns auf seine Kosten kommen zu lassen. Das sollte doch zu machen sein.

Deshalb beschließen wir einvernehmlich folgendes: morgen werden Gernot und Tina nach dem Frühstück aufbrechen, um die nächsten Tage auf eigene Faust die Gegend zu erkunden. Preikestølen und Kjeragsbolten sind nur zwei der Begriffe, die in diesem Zusammenhang genannt werden. Sie erzählen ausführlich, wie und wo sie hin wollen, was noch alles gesehen werden muss, wo das Zelt aufgeschlagen und übernachtet werden soll und so weiter. Na also. Gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt, würde ich mal sagen. Gemeinsamer Treffpunkt wird dann am Freitag auf der Fähre nach Hirtshals sein.

Abendstimmung überm Fjord bei Jørpeland.

Und was machen wir anderen drei in der verbleibenden Zeit? Zunächst einmal: „No net hudla“, wie der Schwabe sagt.

Wir reißen uns erstmal drei Büchsen Bier auf, lehnen uns zurück und genießen den Sonnenuntergang überm Fjord. Uns wird morgen schon etwas Gescheites einfallen mit unserer Zeit, da bin ich mir ganz sicher.

Fritze

Fritze

Seit über 30 Jahren begeisterter Motorradfahrer mit Hang zur Fotografie und Videofilmerei. Als Vielfahrer verwachsen mit seiner BMW R 1200 GS Adventure. Lebt in der Nähe von Lüneburg und pendelt beruflich nach Hannover. ► Equipment: ▸ Motorrad: BMW R 1200 GS Adventure ▸ Action Cams: Drift Ghost-S und Stealth 2 ▸ Kamera: Panasonic Lumix FZ1000 ▸ Sound: Zoom H2n Audiorecorder
Dieser Beitrag befindet sich in der Kategorie Reiseberichte und wurde mit den Schlagwörtern markiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.